KURZ ANGELESEN

Die kleineren Kritiken

Was unseren Rezensenten so am Rande auffiel

Warum aus dem Einen was wird und aus den Anderen nicht, hat Patrick Bauer in seinem sehr persönlichen Bericht Die Parallelklasse - Ahmed, ich und die anderen. Die Lüge von der Chancengleichheit aufgeschrieben. Darin besucht der heutige NEON-Reporter Schulkameraden aus der Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Und stellt fest: Das Integrationsproblem macht sich weniger an der Sprache als am Sozialstatus fest. Wer eine saufende Mama und einen prügelnden Papa hat, braucht mehr Starthilfe als einer, der aus einem sozial gefestigten Familienverband heraus ins Leben tritt. Das ist nicht unbedingt neu, aber sehr einfühlsam beschrieben. Und gibt sich viel Mühe, die Schuld weniger bei den ausländerfeindlichen Rechtsmilieus zu finden als bei den scheinheiligen Multikulti-Linken, die ihren Knoblauch gern frisch beim Türken kaufen, die eigenen Kinder aber lieber auf eine "deutsche" Schule ohne hohen Ausländeranteil schicken als in die "normale" Grundschule. Wenig hilfreich in diesem Kampf gegen Chancenungleichheit ist auch der regierende Berliner Blödmann Wowereit, der gegen die Situation nichts tut und in einem Interview zugab, Verständnis für jene Eltern zu haben, die sogenannten Problemschulen aus dem Weg gehen. Am Ende des Buches wird Bauer Papa und ist sich selbst nicht mehr sicher, wohin er sein Kind schicken wird - warum soll es die verkorkste Bildungspolitik der letzten 20 Jahre ausbaden? Das ist nicht schön, aber ehrlich. Und dass Bauer das weiß und zerknirscht zugibt, macht sein Buch lesenswert. Und die vielen liebevoll gefertigten Portraits seiner Klassenkameraden sind sowieso mehr Literatur als Sachbuch und sehr schön zu lesen. (Luchterhand, München 2011, 191 S., 14,99)

Schröder erzählt und erzählt und erzählt... die neue Autobiografie des legendären "März"-Verlegers heißt Immer radikal, niemals konsequent - Der März Verlag - erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art, worin die alten Kamellen noch mal gelutscht werden (wie ich Olympia Press gründete und mit Porno in Deutschland durchkam; warum ich Die Reise verlegt habe; wieso Lutz Kroth von 2001 doch nicht so nett ist) und Schröder (gemeinsam mit seiner Partnerin Barbara Kalender) das eigene Genie gebührend preist. Ergänzt wird der Band des Verlegers, der dreimal Konkurs machte, um ein ausführliches Nachwort von Jan-Frederik Bandel, der Programm und Bücher des März Verlages analysiert, von Acid bis Laß jucken, Kumpel. (Philo fine Arts, Hamburg 2011, 331 S., 25,-)

Jürgen Brater verdient sein Geld mit sogenannten populären Lexika, was bedeutet, dass nicht alles falsch ist, was drin steht, aber für viel mehr als Partytalk taugen die darin verbreiteten Fakten nicht. Keine Ahnung, aber davon viel - Die peinlichsten Prognosen der Welt enthält deshalb viele lustige Fehleinschätzungen (Computer sind Quatsch, niemand braucht Glühbirnen oder CDs) und seltsame Einträge wie "Es gibt keine Maikäfer mehr", was keine Prognose war. Weil es aber noch Maikäfer gibt, bekommt das einen Eintrag, ebenso die 1943 geäußerte Behauptung Nicola Teslas, es werde nie gelingen, eine Atombombe zu bauen; dass Tesla 1943 (seinem Todesjahr) steinalt und nicht mehr ganz auf der Höhe war, kommt nicht vor. Überhaupt kommen bei Brater die Ursachen der Irrtümer selten vor, lieber erzählt er uns lang und breit, welchen Siegeszug etwa das Internet, der Laptop oder die CD hinter sich haben. So ist das mit Brater-Fakten: Entweder man kannte sie schon oder sie sind falsch (Spam ist keine Erfindung der Monty Pythons!) oder man braucht sie nicht. Und dass Ravels "Bolero" heute eines der meistgespielten Stücke des modernen Kanons ist, beweist keinesfalls, dass das Stück nicht doch Mist ist, wie schon sein Urheber vermutete. (Ullstein, Berlin 2011, 299 S., 9,30)

Wer Religion allen Ernstes als Methode zur Erkenntnisgewinnung empfiehlt, sollte vielleicht kein Kleines Lexikon wissenschaftlicher Irrtümer verfassen. Reiner Ruffing hat es trotzdem getan und fasst dabei die "Hexenverfolgung" gleich unter die wissenschaftlichen Irrtümer. (Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 160 S., 12,99)

"Die 12-jährige Ava lebt auf einer Alligatorfarm, ringt zur Belustigung der Touristen mit den Reptilien und träumt des Nachts von der lockenden Gefahr da draußen. Ihre Schwester wird regelmäßig von Geistern besessen, büxt zu geheimen Rendezvous aus, und auch Ava scheint in unerzählten Abschnitten der Geschichte ins fiebrige Leben zu tappsen." So hatten wir eine Kurzgeschichte aus dem Band Schlafanstalt für Traumgestörte zusammengefasst. Exakt die gleiche Geschichte, jetzt auf über 500 Seiten aufgebläht, erzählt der Roman Swamplandia von Karen Russell, die in den USA zu den aufregendsten Jungautorinnen gerechnet wird. Um das zu rechtfertigen, sollte Miss Russell vielleicht mal einen neuen Einfall haben. Und erzähltechnisch mehr anbieten als John Irving, der ihr immerhin ein paar drastische Sexszenen voraus hat. (Aus dem Amerikanischen von Simone Jakob, Kein & Aber, Zürich 2011, 509 S., 22,90)

Die Bibel der AKW-Gegner war Holger Strohms über 1000 Seiten starkes Werk Friedlich in die Katastrophe. Da ging es nicht nur um bereits gehabte Unfälle und grundsätzliche Probleme der Entsorgung, auch politische Konsequenzen eines Atomstaates wurden bereits vorgedacht. Damals wurden über 400.000 Exemplare über den Versand "2001" verkauft, heute ist das Buch vergriffen. Ergänzt um ein ausführliches Vorwort hat Nautilus jetzt eine Neuauflage als Paperback herausgebracht.

Wer Bahn fährt, redet schlecht darüber, das scheint Bürgerpflicht, obwohl der öffentliche Personenverkehr im Durchschnitt befriedigender ist als ein individuelles Auto. Jetzt treten ein paar Volkskomiker zur Ehrenrettung der Bahn und ihres schrulligen Personals an. Bei einem Wettbewerb der WELT schickten humorige Fahrkartenkäufer ihre giggeligsten Anekdoten ein, Mirco Drewes und Jochen Reinecke machten daraus das Bändchen Waschbär erster Klasse. Wundersames aus vollen Zügen und sortierten die Alltags-Schnurren nach Themen wie Sitznachbarn, Betriebsunfälle und Behördenabenteuer. Das liest sich beim Warten auf den Anschlusszug glatt weg und man lässt es gern für den Nächsten im Gepäcknetz. (Satyr, Berlin 2011, 165 S., 11,90)

Als Achim Wohlgethan sein Schwarzbuch Bundeswehr. Überfordert, demoralisiert, im Stich gelassen schrieb, hatten wir noch einen forschen Verteidigungsminister, der es sich in wenigen Wochen mit fast allen Waffengattungen verdarb. Dass der neue beim Aufräumen der Guttenberg-Scherben mehr auf seine Generäle hörte, ist noch nicht ersichtlich, also sind die Mäkeleien des verdienten Afghanistan-Kämpfers wohl noch aktuell. Er kritisiert nämlich in erster Linie nicht die Bundeswehr als Sauhaufen oder Trachtenverein, sondern vor allem die Politik, die die falschen Panzer kauft, dumme Reformen beschließt und ganz allgemein die Einsatzfähigkeit ruiniert. Man muss sich schon stark für das Beschaffungswesen oder die Tücken des Dienstwegs interessieren, um den Tom Clancy unter den Bundeswehrkritikern spannend zu finden. Andererseits diskutiert er immerhin die Gefahren der kommenden Berufsarmee, die zum Sammelbecken gescheiterter Existenzen werden könnte. (C.Bertelsmann, München 2011, 286 S., 19,99)

Der Reaktor behandelt das Thema der Leiharbeiter, die in AKWs aufräumen und für wenig Geld viel Risiko eingehen. Der Roman spielt in Frankreich, aber für Deutschland gilt wohl Ähnliches. Leider ist der Schreibstil von Elisabeth Filhol absolut unleserlich (oder ist es die Übersetzung von Cornelia Wend?). Diese nüchternen Endlossätze sind schwer zu lesen. (Nautilus, Hamburg 2011, 122 S., 16,-)

Für Freunde der gepflegten Ferkelei bietet Reizpartie - Variationen über eindeutige Absichten eine schöne Sammlung gehaltvoller Pornografie. Also Grass- und Brecht-Texte, Djuna Barnes und Henry Miller - nichts, was man nicht woanders schon mal gelesen hätte, und vor allem nicht ergänzt durch ein kundiges Vorwort - einfach nur Literatur, in der Worte wie "Ficken" und "Blasen" vorkommen. Muss ja manchmal auch sein. (Wagenbach, Berlin 2011, 189 S., 10,90)

Die Orangen des Präsidenten behandelt die Zeit Anfang der 90er, als die irakische Opposition fest damit rechnete, die westliche Allianz gegen Hussein würde den Diktator stürzen. Der Roman von Abbas Khider ist einerseits ein schwer erträgliche Gefängnis- und Folterprotokoll, andererseits auch ein stimmungsvolles Portrait einer Gesellschaft in Angst. Der Held des Romans wird eines Tages verhaftet und soll gestehen - und er, der nie etwas anderes war als ein Taubenzüchter, hat keine Ahnung, was man ihm vorwirft. Aber da er als "Politischer" behandelt wird, ahnt er, dass er das Gefängnis nie wieder verlassen wird. Und dann beginnt der Golfkrieg unter Papa Bush, und alles scheint sich zum Guten zu wenden. Die Handlung folgt in Teilen der Biografie des Autors, der seit 2000 in Deutschland lebt. (Nautilus, Hamburg 2011, 156 S., 16,-)

Es gibt seltsame Hobbys: Kaffeekochen zum Beispiel. Und noch seltsamere Fans: Privat-Baristas. Vincent Kluwe-Yorck hat für sein Buch Und der Espresso wird gut Diskussionen aus dem Kaffee-Netz.de gesammelt, die sich um bodenlose Siebträger, Kegelmühlen, Röstgrade und den korrekten Anpressdruck fürs frische Kaffeemehl drehen. So was interessiert Leute, die ungefähr einen Tausender in ihren Espresso-Maschinenpark investieren wollen, oder einfach mal nachlesen, wie hoch der Olymp über dem Pad-Aufbrüher aus dem Supermarkt liegt. Laien verstehen zwar meistens nur Bohne, aber man kriegt durchaus Lust auf einen Zweikreiser mit Klicktamper und den Selbstversuch, an der Crema die Drehrichtung der Mühle zu erkennen. (Medien Werkstatt, Berlin 2011, 191 S., 19,80) Hier rechts im Bild schiebt gerade der beste Fußballer der Welt den Ball mit der Hand ins Tor - und der Schiedsrichter hatīs nicht gesehen! Diego Maradona und seine "Hand Gottes" (im Spiel gegen England 1986) dürfen natürlich nicht fehlen im Buch über Die hundert wichtigsten Tore der Welt, einer launigen, nett geschriebenen und hübsch illustrierten Sammlung von Thomas Lötz und Reinaldo Doddou H. Natürlich sind damit Tore nach 1945 gemeint, natürlich sind Wembley und Thomas Helmers Mogeltor dabei, aber auch das tragische Eigentor des Kolumbianers Escobar, der für seinen Fehler mit dem Leben bezahlen musste und von der Wettmafia zehn Tage nach Turnierende erschossen wurde. Jedes der Tore wird beschrieben in seiner Bedeutung, in seinem Ablauf, und mancher Spieler ist zweimal vertreten - Diego Maradona zum Beispiel, der nach dem Mogeltor noch ein reguläres schoss das so sensationell war, dass sein Gegenspieler Gary Lineker ihm Jahre später gestand: "Dieses Tor war wahrscheinlich das erste und einzige in meiner Karriere, das ich fühlte, ich sollte bei einem Treffer der gegnerischen Mannschaft applaudieren". (Delius Klasing, Bielefeld 2010, 142 S., 30 x 21,4 x 1,8 cm, HC, mit zahlr. Abb., 19,90)

Es ist erstaunlich, wie viel Zeit sich die Star Trek-Serie nach dem großen Zusammenbruch nimmt: In der Destiny-Trilogie wurden die Erzfeinde der Föderation, die Borg, zwar endgültig besiegt, dafür liegt das Imperium in Schutt und Asche. Star Trek: The Next Generation - Den Frieden verlieren behandelt vor allem Flüchtlingsfragen. Millionen von Föderationsbürgern haben ihre Heimatwelt verloren und müssen versorgt werden. Und die Zielplaneten sind meist gar nicht begeistert, helfen zu müssen. Einen besonders widerspenstigen Politiker entführt Captain Picard kurzerhand und setzt ihn mitten in einem Flüchtlingslager ab, damit er anschaulich was lernen kann. Überhaupt meint man in William Leisners durchgehend unaufgeregtem Roman, immer wieder Sprüche europäischer Politiker wiederzuerkennen. (Ins Deutsche von Bernd Perplies. CrossCult / Amigo Grafik, Ludwigsburg 2011, 333 S., 12,80)

Jetzt hat auch Captain Archer seine Buchreihe, jener Enterprise-Kapitän, dessen Existenz das Ende des TV-Merchandizing bedeutete, weil die Fans den Mist nicht sehen wollten. Das höchste Maß an Hingabe spendiert der allerersten Enterprise nicht mal einen eigenen Handlungsfaden, sondern spielt in der "Xindi"-Staffel, als die Erde al Kaida-artig angegriffen wurde und Archer samt Crew losgeschickt wurde, jetzt aber mal ein paar Ärsche aufzureißen. Mit der alten Star Trek-Idee von Versöhnung und Freude in Vielfalt hatte das nichts mehr zu tun, und Michael A. Martin und Andy Mangels tragen diesen Konflikt auch mitten in den Roman hinein. Der schickt Archer und die Enterprise auf eine Spur, die eindeutig als Falle ausgelegt ist: Die Xindi wollen die Erdlinge vom wahren Bauplatz ihrer Superwaffe ablenken. Da zwei Nachworte keinen Zweifel daran lassen, wie die Geschichte ausgeht (das Ende der Xindi-Konfrontation ist bekannt) gehtīs hier weniger um die Spannung als die Personenentwicklung. Waffenmeister Reed sieht voller Zweifel, wie sein Captain zum Folterfan wird. Die mitgereisten Marines der Föderation, die MACOS, entpuppen sich dafür als echte Menschen mit Herz und sensibler Seele. Amerika bleibt nach 9/11 eine verwirrte und verwirrende Kultur. (Ins Deutsche von Bernd Perplies. CrossCult bei Amigo, Ludwigsburg 2011, 332 S., 12,80)

Kafka war jung und er b# + st eine merkantil-infantile kleine Kulturgeschichte ("Eine rasante Kulturgeschichte für Vielbeschäftigte"), die sehr witzig geworden wäre, hätte sich Konstantin Richter nicht immer wieder zwanghaft in seinem Erzählfaden verheddert, der die lustigen Kapitelchen (Hamlet als Gruftie-Erfinder, Kafka als Versicherungslangweiliger, und die ganze Romantik ist sowieso eine Erfindung verklemmter Bürohengste wie Eichendorff und Herder) miteinander verbindet. Als Schmunzelspaß und Geschenkbändchen taugt das aber durchaus. (Kein & Aber, Zürich 2011, 175 S., 14,90 )

A Casa Nostra - Junge italienische Literatur heißt ein bei Wagenbach erschienener Literatursampler, der erstaunlich konservativ daherkommt. Im Vorwort wundern sich die italienischen Herausgeberinnen etwas altjüngferlich, dass neue Autoren auch von "Kunst, Kino und Videospielen" leben - guck an. Und nichts davon kommt in den Geschichten vor, die fast alle recht brav im Familiären spielen und formal irgendwo in den 70ern steckengeblieben sind. Das liest sich alles nett, aber jede der Geschichten hätte auch vor 30 Jahren erscheinen können. (div. Übersetzer, Wagenbach Verlag, Berlin 2011, 207 S., 16,90)

Nochmal Wagenbach: Weil der Chef im letzten Jahr 80 geworden ist, hat der Verlag die alte berühmte "Oktavheft"-Reihe vorübergehend wiederbelebt und darin den schönen Gedichtband Tango Berlin von Kurt Bartsch aufgelegt. Darin sind alte und neue Gedichte vom Meister der gereimten Bosheit, Parodien, Beobachtungen und traurige Reflektionen zum Tod einer Freundin. Alles in jenem melancholisch-wütenden Tonfall, der Bartschs Lyrik ausmachte. Am schönsten neben den lyrischen Beobachtungen sind dabei die streitbaren Gedichte, etwa "Sozialistischer Biedermeier": "Immer glauben, nur nicht denken / Und das Mäntelchen im Wind / Wozu noch den Kopf verrenken / Wenn wir für den Frieden sind?". (Wagenbach Verlag, Berlin 2010, 79 S., 8,-)

Grabeshauch ist der vierte und letzte Roman um die Totenfinderin Harper Connelly. Deshalb ist Charlaine Harris auch mehr damit beschäftigt, Handlungsstränge zu Ende zu führen als einen neuen Fall zu erzählen. Harper, die Tote finden und deren letzte Minuten nacherleben kann, soll in Texas für den reichen Joyce-Clan das Ableben des Familienpatriarchen untersuchen. Dabei deckt Harper das obligatorische dunkle Familiengeheimnis auf, das dann irgendwie mit ihrer eigenen verkorksten Sippe zusammenhängt. Da gibt es drogensüchtige, verantwortungslose Eltern und eine verschwundene Schwester. Zahlreiche banale Szenen, Wiederholungen und teils platte Beschreibungen sorgen kaum für Grusel-Spannung. Natürlich gibt es dann noch den schwatzhaften Schurken beim Showdown, der seine Pläne haarklein ausführt. So wirkt Grabeshauch eher wie eine Familien-Soap als ein Mystery-Krimi. (Aus dem Amerikanischen von Christiane Burkhardt, dtv, München 2011, 320 S., 8,95)

Immer wieder kehrt Philip Roth an die Orte seiner Kindheit zurück, ohne autobiografisch zu werden. Nemesis spielt in Newark, 1944, als eine Polio-Epidemie das jüdische Viertel heimsucht und der junge Held des Romans, Mr. Cantor, mit allen Mitteln versucht, verantwortlich zu handeln und doch grausam scheitert. In sanftem Erzählton entwickelt Roth diese Tragödie eines ernsthaften Mannes, der mit seinem Gott hadert und an den eigenen Ansprüchen scheitert. (Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2011, 221 S., 18,90)

Auf dem Umschlag steht ein beinahe entschuldigendes Zitat von Helmut Schmidt: "Politiker und Journalisten haben zumindest dies gemeinsam: Sie sollen heute schon über Sachverhalte reden oder schreiben, die sie erst morgen oder übermorgen verstehen werden." Theo Sommer schreibt nun Unser Schmidt. Der Staatsmann und der Publizist, zurückblickend und verständnisvoll. Seit 1961 kennen sich Sommer und Schmidt, tranken Fürstenberg Bier und dünnen Whisky miteinander, teilten sich Schlafwagenabteile und Herausgeberbüros. Da wird niemand eine Demontage erwarten. Zum Glück ist es aber auch kein reines Denkmal geworden. Sommer bewundert Schmidt, ohne Hinweise darauf zu unterlassen, er selbst sei auch ziemlich toll. Sommer lobt Schmidt, selbst wenn er hier und da mal abweichender Meinung ist. Schade nur, dass Sommer beim Erinnern stets in seinen etwas zu großen Worten versinkt. Aber so ist er eben, unser Theo. (Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, 416 S., 22,-)

Mike James gelingt es, seine Models so zu fotografieren, als seien sie von Mel Ramos gemalt. Seinen Retro-Pin Ups ist allerdings in mancher Pose anzumerken, dass es sich um Bilder der Neuzeit handelt. Manche obszöne Körperhaltung war früher einfach nicht drin. Andererseits wirkt die Mischung aus der Naivität der prüden 50er und der Unanständigkeit der 90er durchaus witzig. Gemeinsam ist allen Fotos der Wille zur Perfektion. Hier ist jede Hautunreinheit retuschiert, jedes Wäschestück sitzt perfekt. (Sexy Super Girls. Goliath, Frankfurt 2010, deutsch/englisch, 128 S., 19,3 x 14,7 x 1,8 HC, 19,90)

Wolfgang Schlüter hat für seinen Roman Die englischen Schwestern ein wunderbares erstes Kapitel geschrieben, in dem zwei Besserwisser durch Berlin schlendern, einander im Stile früher Arno Schmidt-Romane anklugscheissen und neben formaler Brillanz so auch eine souveräne Weltsicht neben der Spur vorführen. Dann erzählt einer von einem alten Manuskript, in dem einer davon erzählt, das ihm früher mal einer erzählt hat ... und der ganze Spaß versinkt unter bemühtem Schalk und Staub. In mehrfach gestaffelten Geschichten führt Schlüter aus der Gegenwart zurück in die Zeit der Glasharmonika, auf Konzerttournee mit den Schwesterm des Titels, die das seltsame Instrument von Benjamin Franklin zu Mozart bringen, und am Ende zurück an den Anfang. Der Autor wuchert mit zeitgenießerhaften Krümeln, faltet eine historische Perspektive um die andere und gibt sich dabei geradezu ermüdend virtuos. Man muss ständig klatschen und hätte doch lieber seine Ruhe zum Lesen. (Eichborn, Frankfurt 2011, 408 S., 21,95)