Zwischen Ching Siu-Tung und King Hu

Der Splitter Verlag feiert sein 100. Album mit einer Sonderausgabe

Es gibt beim Bielefelder Splitter Verlag ein Jubiläum zu feiern. Eigentlich sogar zwei. Nach der erfolgreichen Neubelebung unter Dirk Schulz, Delia Wüllner-Schulz und Horst Gotta vor zweieinhalb Jahren und einer seitdem konstant steigenden Produktivität besitzt der frankobelgische Comic im deutschsprachigen Raum wieder eine zentrale verlegerische Heimat. Der Fleiß hat sich bezahlt gemacht: Mit dem zweiten Band von Seide und Schwert, der sowohl im klassischen Albenformat als auch als sogenanntes Splitter Book vorliegt, darf nun die 100. Veröffentlichung gefeiert werden. Bereits an dieser Stelle sind einige Erklärungen notwendig: Zum einen handelt es sich bei Seide und Schwert nicht um eine frankobelgische Erzählung, sondern um die erste, höchst ambitionierte Eigenproduktion des Verlags, eine auf sechs Bände angelegte Adaption von Kai Meyers Fantasy-Trilogie Das Wolkenvolk, zeichnerisch umgesetzt vom Ultimo-Lesern sicher nicht unbekannten Ralf Schlüter. Zum anderen werden Jubiläum und Projekt mit einer besonderen Edition geadelt. So kann man nun entscheiden zwischen den bekannten, überformatigen Alben, die mit einem Nachwort von Kai Meyer und einer beigefügten Grafik ausgestattet wurden, und dem besagten "Splitter Book", welches als Sammelband beide Alben vereint und mit einem handlicheren Format zum günstigeren Preis lockt. An diese Edition ist nicht zuletzt der Versuch geknüpft, im nicht-spezialisierten Buchhandel stärker Fuß zu fassen. Inhaltlich und stilistisch besticht der Comic durch äußerste Sorgfalt: Die Geschichte um den jungen Niccolo, der beauftragt wurde, im alten China den Aether, den Atem eines Drachen, zu finden, um sein Wolkenvolk vor dem Untergang zu bewahren, bietet Fantasy auf hohem Niveau - keine eskapistischen Schlachten, keine kruden Geschlechterrollen, nirgends. Stattdessen fokussiert sich das Team ganz auf die Charakterisierung der stetig wachsenden Figurenzahl und bietet zudem eine deutliche Hommage an das furiose Hongkong-Kino Ching Siu-Tungs und King Hus. Was dort als originärer Mix aus asiatischen und westlichen Erzähltraditionen den filmischen Blick revolutionierte, wird hier optisch von Ralf Schlüter rückübersetzt als Zusammenspiel aus frankobelgischen und mangaesken Stilismen. Es bleibt spannend zu beobachten, ob die Folgebände das Niveau halten werden.

Sven Jachmann Yann Krehl/ Ralf Schlüter/ Horst Gotta/ Dirk Schulz - Das Wolkenvolk. Seide und Schwert Bd.1: Wisperwind, 72.S, Splitter, Bielefeld 2008, 15,80 / Bd.2: Mondkind, 72 S., Splitter, Bielefeld 2009, 15,80 / Das Wolkenvolk. Seide und Schwert. Splitter Book, 136 S., Splitter, Bielefeld 2009, 19,80