DAS PIANO

Zwischen den Fingern

Das Piano entzieht sich immerzu. Als Film und als Motiv, in der Machart und im Personal, als Parabel und mittels der Begleitmusik. Schweigen und Schwelgen, Strenge und Scherz, symbolische Schwerkräfte und der klare Trost des Kitschs ... Jane Campion, Regisseurin und Drehbuchautorin ("Ein Engel an meiner Tafel") spreizt die Finger, und aus der Kino-Klaviatur perlt eine unerhörte Melodie.

Das erste Bild schlägt eine Tonart an, jenseits von Dur und Moll. Zwischen den Fingern hindurch betrachtet ein Mädchen die Welt. "Dies ist nicht meine Stimme", sagt sie über die Szene, "dies sind meine Gedanken." Sie redet nicht, nur zu sich selbst, als kleines Kind schon verstummte sie aus ungeklärten Gründen völlig. Und erst ein paar Szenen später könne wir sie von ihrer Tochter unterscheiden, die sie aus einer ebenfalls unklaren Vergangenheit hat. Und wir hören erstmals das Klavier, daß Ada (Holly Hunter, sie spielt gut, und selbst Klavier) die äußere Stimme ersetzt.

Gesellschaftlich stumm, wir sind im Schottland des letzten Jahrhunderts, wird sie per Brief nach Neuseeland verheiratet, denn außer am Ende der Welt hätte wohl auch keiner das herbe Fräulein ohnen Sprache aber mit Kind genommen. Das Klavier nimmt auch ihr neuer Mann nicht. Es steht, nur zwei Ruderschläge von Schottland entfernt, Jane Campion wechselt manchmal rasend schnell die Lagen, nicht abgeholt am Strand Neuseelands, während die nun doppelt stumme Ada ins Landesinnere, nun, fast verschleppt wird.

Aus der Fernehe wird erwartungsgemäß nichts. Ada weist ihren "Besitzer" zurück, und das Korsett aus Traditionen lockert sich, im Kontakt mit der Wildnis, den Maoris, und unter dem Zwang, sich ohne Klavier auszudrücken. Jane Campion findet dafür einleuchtende Bilder dutzendweise (zweckentfremdete Reifröcke zum Beispiel), und ihre Sprache ist dabei so deutlich, daß man erst ganz am Ende bemerkt, kein Wort von der Hauptperson gehört zu haben. Und ihre Orchestrierung der Mittel ist so ausgewogen, daß das Kalkül der Symbole vom Gefühl des Regenwald-Ambientes gerade unterhalb der platten Offensichtlichkeit gehalten wird - und der immer auch mitklingende Sinnbild-Kitsch durch einen menschlichen Humor sehr virtuos gedämpft wird. Die Pedalarbeit ist vorzüglich.

Wie wir sogar mitansehen können, als das Piano wieder auftaucht. Im Haus des Nachbarn. Der es Ada symbolisch Taste für Taste zurückgeben will, wenn sie darauf für ihn spielt. Und ihn an ihr spielen läßt. Das klingt etwas spekulativ, ist aber schön, weil sich beide, Ada und ihr Oberförster (Entschuldigung, aber ein bißchen Chatterly ist schon drin) natürlich ganz etwas anderes einhandeln. Eben genau nicht die Rückkehr zur Traummaschine für sie und für ihn (Harvey Keitel) etwas Vergnügung im Busch. Aber auch weit mehr als sexuelles Erwachen für sie und die Faszination einer starken Frau für ihn. Vielmehr für Ada wenigstens einen ganzen Prozess der Selbstwerdung, der Individualisierung.

Den zeigt uns Campion wieder unter Einsatz aller Tasten. Und unter ständiger Modulation der Sympathie-Werte. Nicht mal der Ehemann ist ein totales Ekel, und als die Tochter die Piano-Affäre ihrer Mutter an ihn verrät, kommt es zwar zur Katastrophe, wie es ein Schattenspiel im Film schon vorher andeutete (das Kalkül der weißen Tasten), aber auch zur Katharsis. Alle Personen waren anfangs unfähig zur Liebe, einigen gelingt am Ende ein Schritt nach vorn. Und als Ada Neuseeland wieder verläßt - da hat das alte Klavier einen letzten Auftritt am Rande der Eindeutigkeit. Und kurz bevor Ada dann das Sprechen wieder erlent (das Gefühl der schwarzen Tasten), hört der Film, den man unbedingt in der untertitelten Originalfassung sehen und hören sollte, glücklicherweise auf.

-w-