»KLEINES ARSCHLOCH - DER FILM«

Verschnitt

Ex-Ultimo-Zeichner Moers hat jetzt auch einen Film

Wir hören sie jammern, die um Wohl und Niveau der deutschen Unterhaltungskunst besorgten Fachleute, wie sie die Spalten und Sendeplätze füllen mit Lamentos über den Sieg des schlechten Geschmacks, über die "Doofen" und Helge Schneider, und jetzt noch ein Kleines Arschloch abend- und leinwandfüllend, mit selten gesehenem Werbeaufwand (und den damit verbundenen Kosten) vielhundertfach in die Kinos gepusht - wo soll das alles enden? Und nicht nur Kulturpäpste sind besorgt, auch Politiker und andere normale Bürger fragen sich, ob es nicht jenseits der Grenze des Zumutbaren liegt, von jeder zweiten Plakatwand mit Fäkalsprache angeschrien zu werden. Vielleicht ruft jemand zum Boykott auf, Werbeverbot vor 22.00 Uhr, und die Plakate müssen tagsüber abgehängt werden. Wär' doch lustig. Lustiger als der Film auf jeden Fall.

Walter Moers ist ein Comiczeichner und -autor, dessen Arbeit wir seit langem außerordentlich schätzen. Das "Kleine Arschloch" ist Moers' erfolgreichste, wenn auch nicht beste Figur, aber immerhin provozierend und manchmal sehr komisch. Uns ist der Humor etwas zu einseitig: immer zotig, immer analfixiert, immer zumindest schwer pubertär. Das kann sehr nett sein, wenn man alle vierzehn Tage ein Blatt in die Hand bekommt, in Albumkonzentration läßt der Spaß schon schwer nach, und als geballte Ladung im Kino verabreicht, hat es mit Spaß, wie man sehen mußte, nur sehr beschränkt zu tun.

Walter Moers hat einen eigenen Zeichenstil, quasi altägyptisch, skizzenhaft, zweidimensional, sehr reduziert, kaum Hintergründe, kaum Details - nur ein paar Linien. "Eigentlich", sagt Regisseur Michael Schaack, "eignen sich die in den Büchern vorhandenen Zeichnungen nicht für einen opulenten Kinoabend." Also wurde Moers' Stil für den Film verändert. Die Nasen bleiben groß, die Stirne flach, aber die Gestalten bekamen nahezu realistische Proportionen. Ergebnis: man erkennt sie gerade so wieder, der optische Charme ist aber dahin. Bestenfalls Arschloch-Verschnitt.

Schließlich: Walter Moers' Arschloch-Geschichten sind kurz. Ein abendfüllender Spielfilm ist lang. Also brauchte man eine Rahmenhandlung, denn: "Wenn ein Zuschauer ins Kino geht, um einen Film vom Kleinen Arschloch zu sehen, gehe ich davon aus, daß er die Figur nicht neu erfunden haben will, sondern bekannte Inhalte filmisch möglichst optimal umgesetzt sehen möchte." Sagt Walter Moers, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Das besteht hauptsächlich daraus, wie der Held seinem Tagebuch ("Liebes Tagebuch...") seine Gedanken zu Leben und Welt, Hundehaltung, Liebe und Sex anvertraut. Illustriert mit Begebenheiten aus dem Arschloch-Alltag, angereichert mit videoclipartigen Musiksequenzen und den Gemeinheiten, die ein Kleines Arschloch für seine Umgebung bereit hält. Das kann sich sogar ganz lustig anhören, wenn beim Biologie-Referat zum Beispiel das männliche Glied als "der Mercedes unter den Geschlechtsorganen" bezeichnet wird, wenn das Kleine Arschloch bei der Performance am Elternabend das Publikum mit einem beherzten "Ihr habt alle gefickt" schockiert oder mit seiner Band in einer Trucker-Kneipe das Anti-Country-Lied ("Jeder, der gern Country hört / Hat ein kurzes Glied") vorträgt. Da bei der Inszenierung jedoch auf Timing und Geschwindigkeit weitgehend verzichtet wurde, da es keine Geschichte, keine Spannung und auch keinen Rhythmus gibt und da die Animation so schlicht ist wie die Zeichnungen bieder sind, erlahmt das Interesse schon nach sehr sehr kurzer Zeit. Gelegentlich blitzt ein ganz kleines Vergnügen auf, etwa Helge Schneider, der dem Alten Sack die Stimme leiht, die Fluchtversuche des Hundes Peppi, gewisse Obszönitäten auch, aber es hilft alles gar nichts. Schlecht, schlecht, schlecht. Und langweilig.

Wer Kleines Arschloch - Der Film ohne Kenntnis der Vorlage sieht, wird niemals ein Moers-Album kaufen. Wir anderen hoffen, daß Walter Moers bei der Verfilmung wenigstens so gut verdient hat, daß er das nie wieder machen muß.

Georg Steller