A SERIOUS MAN

Die täglichen Niederlagen


Das Interview zum Film

Der neue Film der Coen-Brüder »A Serious Man« zelebriert das Scheitern eines braven Kleinbürgers

No Jews were harmed in the making of this motion picture" steht am Schluss ganz klein auf der Leinwand. Das ist der Humor, der in dem neuen Werk der Coen-Brüder vorherrscht. A Serious Man sieht aus als habe sich Hiob in die Welt von Philip Roth und Woody Allen verirrt. Larry Gopnik ist ein ehrenwerter Professor, ein Familienvater und Ehemann, und alles droht ihm zu entgleiten. Seine Frau will von ihm die Scheidung, seine Kinder wollen gar nichts von ihm (außer dass er endlich mal die Fernsehantenne auf dem Haus richtig einrichtet), seine Kollegen im Institut erhalten seltsame anonyme Briefe, in denen Gopnik denunziert wird, und sein depressiver Bruder Arthur wird von der Polizei verhaftet, als sie den beim illegalen Glückspiel erwischen.

Larry Gropnik tut alles, um sein Unheil abzuwenden, und das heisst für ihn: Er muss seinen Rabbi fragen. Denn das alles spielt im jüdischen Milieu der 60er Jahre. Der Held entspannt sich bei jiddischen Gesängen, die Bar-Mitzwah des Sohnes steht als zentrales Ereignis unmittelbar bevor, die Gattin will eine rituelle jüdische Scheidung (von der noch nie jemand was gehört zu haben scheint). Die Rabbis - Gropnik wird drei befragen - sind leider alle Trottel. Und die jüdische Legende, die bedeutungsschwanger am Anfang des Film steht, erweist sich als bedeutungslos.

Wie so oft ist bei den Coens das Milieu nur Folklore, ein Zitat-Raum, in dem sie trefflich Klischees zitieren lassen und sinnlos in der Luft hängen bleiben; so wie der ganze Film einfach aufhört, er hat keinen Höhepunkt und kein Ende. Während die Eltern am Ende stolz die Bar-Mitzwah ihres Sohnes in der vollbesetzten Synagoge verfolgen, wissen nur die Zuschauer, dass der Sohnemann bis zur Halskrause zugekifft ist und kaum weiß, wo hinten und wo vorne ist.

Überhaupt sieht das erlesene Dekor noch wie späte 50er aus, während immer wieder die wilden 60er störend in die Idylle einfallen. Während der Rabbi eine belehrende (und herzlich nichtssagende) Legende erzählt, wird die klassische Optik unterlaufen durch den untermalenden Soundtrack: Hendrix' "Machine Gun"; Irritation darf manchmal sinnlos sein, so weit sie funktioniert.

Unaufhaltsam bricht die Katastrophe über Larry Gropnik herein, und je länger es dauert, desto komischer finden wir das. Ein koreanischer Student will ihn bestechen, um doch noch die Prüfung zu bestehen (da bedient sich der Film sehr beim Milieu Roth´scher Prägung), Gropniks Sohn hat Schulden bei seinem Drogendealer, der Liebhaber seiner Frau stirbt bei einem Autounfall (was die Ehe keinesfalls rettet), die Eskapaden seines Bruder kosten viel zu viel Geld, und der erste Rabbi, den er mit seinen Sinnfragen behelligt, vergleicht die Welt mit dem Parkplatz vor der Tür. Das Leben ist traurig und bescheuert.

Während der Komiker William H. Macey als Jerry Lundegaard in Fargo und in ähnlicher Rolle recht tragisch wirkte, ist Michael Stuhlbarg als Larry Gropnik zum Brüllen komisch. Lundegaard hatte in Fargo ein Verbrechen begangen und ging daran, verzweifelt strampelnd, zugrunde. Gropnik beteuert immer wieder und völlig zurecht: "Ich habe gar nichts gemacht!", und es hilft ihm nichts.

Kamera und Kostüme schwelgen nostalgisch im Setting der Zeit, als der Rasen im Vorgarten noch saftig grün war und die Autos noch richtige Kotflügel hatten. A Serious Man sieht ein bisschen aus wie die TV-Serie Mad Men. Aber wo die Serie den Aufbruch am Horizont aufleuchten lässt, ist den Coens der Kleinbürger-alltag Anlass zur Farce. Ernsthafte Männer sind eben nicht ernst zu nehmen. Schon gar nicht wenn ihnen das Schicksal die Hucke vollhaut.

Thomas Friedrich

USA 2009 R & B: Ethan & Joel Coen K: Roger Deakins D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Adam Arkin, Fyvush Finkel