SEXY BEAST

Last Hit

Ben Kingsley als Gangster

Wie eine fette Qualle liegt Gals schwabbeliger Körper rotbraun neben dem Pool in der gleißenden Mittagssonne. So lässt es sich leben und genauso hat sich der britische Ex-Ganove seinen vorgezogenen Ruhestand vorgestellt. Wenn es nach ihm ginge, würde er hier unter der heißen Sonne Spaniens liegen bleiben, bis er endgültig verdunstet ist. Aber es geht nicht nach ihm. Zuerst knallt ein Felsbrocken vom Abhang herunter direkt in den Pool und verfehlt Gal (Ray Winstone) um Haaresbreite. Dann kommt Don - ein weitaus härterer Brocken. Als Gals Freunde bei einem Abendessen leichenblass seine Ankunft ankündigen, fangen sie unwillkürlich an zu flüstern, obwohl Don noch hunderte von Flugkilometern entfernt ist. Nur die Nennung des Namens reicht aus, um alle Lebensenergie aus Gals massigem Körper entschwinden zu lassen. Dann ist er da, und schon nach wenigen Sekunden versteht man den Schrecken, den dieser Mann unter seinen Freunden verbreitet. Sein Körper schießt wie ein Projektil durch den Raum. Wenn er in abgehackten Staccato-Sätzen spricht, pulsieren auf dem glattrasierten Schädel die Adern an den Schläfen. Jedes Wort will verletzen und das Opfer weiter in die Enge treiben. Don möchte Gal für einen "letzten Job" rekrutieren und ein "Nein" kommt als Antwort nicht in Frage.
Das beste an Don: er wird von Ben Kingsley gespielt und der Mann zischt wie ein Feuerwerkskörper durch diesen Film. Kingsley, der 1982 als Gandhi den Oscar erhielt, wurde seitdem meistens auf die Rolle des integeren Gutmenschen festgelegt. In Sexy Beast reist er an das andere Ende des Schauspieler-Universums und wirft sich mit Verve in die Rolle des bösesten Bösewichtes der jüngeren Filmgeschichte. Nur eine halbe Stunde ist er auf der Leinwand zu sehen, bevor seine Figur einen frühen, verdienten Tod stirbt und Gal zum verabredeten Coup nach London reisen muss, um Dons Tod zu vertuschen.
Trotzdem hallt Kingsleys Präsenz bis zur letzten Minute nach. In der Tradition britischer Gangster-Movies von Mike Hodges Get Carter bis hin zu Guy Ritchies Bube, Dame, König, Gras entwirft der Werbefilmer Jonathan Glazer seinen schwarzhumoriges Genrestück. Auch wenn die Spannung nach dem Ableben der Kingsley-Figur ein wenig einknickt, überzeugt Glazers Spielfilm-Debüt durch seine rundherum stilsichere Inszenierung. Die kochend heiße Costa Del Sol und das dauerverregnete London sorgen für reizvolle Bildkontraste. Story und Dialoge wurden gründlich entschlackt. Klare saubere Schnitte, kein überflüssiges Gangstergequatsche und selbst die branchenüblichen Gewalteffekte wurden auf ein notwendiges Minimum reduziert.

Martin Schwickert

GB 2000 R: Jonathan Glazer B: Louis Mellis, David Scinto K: Ivan Bird D: Ray Winstone, Ben Kingsley, Amanda Redman