DAS WUNDER VON BERN

Hermetisch unter Zuckerguß

Sönke Wortmann erklärt die 50er Jahre

Geschichte wird nicht nur auf Schlachtfeldern geschrieben oder in Konferenzsälen, manchmal auch auf einem Fußballplatz. Als die westdeutsche Nationalelf am 4.Juli 1954 das dramatische Endspiel gegen Ungarn mit einem 3:2 für sich entschied, da gönnte sich das Land das erste Mal seit Kriegsende eine kollektive Euphorie.
Anfang der 50er lag die Bundesrepublik in tiefster Depression. Die gröbsten Trümmer waren beiseite geräumt, aber die Verwüstungen, die Nationalsozialismus und Krieg in den Köpfen angerichtet hatten, waren noch präsent. Die Männer kehrten aus der Gefangenschaft zurück in ein desolates Land und in Familien, in denen die Frauen das Ruder übernommen hatten. Da kam die Fußballweltmeisterschaft gerade recht, um das bißchen Nationalstolz, jenseits von Auschwitz und Stalingrad, auf sportlich unschuldigem Terrain zu hätscheln.
Ein spannendes und zugleich diffiziles Thema hat sich Sönke Wortmann da ausgesucht. Wortmann ist bekennender Fußballnarr, hat sich allerdings in seinem bisherigen Werken von Der bewegte Mann über das Superweib bis hin zu St.Pauli Nacht nicht gerade durch historische Analysen einen Namen gemacht. So erklärt er die gesellschaftliche Relevanz des Sportereignisses mit einer einfachen Baukastendramaturgie: In braver Parallelmontage springt der Film zwischen den dramatischen Zuspitzungen im WM-Turnier und dem mühsamen Annäherungsprozess zwischen Vater und Sohn in einer Ruhrgebietsfamilie hin und her.
Aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft kehrt Richard Lubanski (Peter Lohmeyer) als seelisches Wrack zurück. Mutter Christa (Johanna Gastorf) hat in den Nachkriegsjahren die Familie mit einer Eckkneipe in Essen-Katernberg über Wasser gehalten. Als Richard seine Rolle als Familienernährer wieder übernehmen will, muss er feststellen, dass er der harten Arbeit im Pütt nicht mehr gewachsen ist. Besonders groß ist die Entfremdung zu seinem Sohn Matthias (Louis Klamroth), der im letzten Kriegsjahr geboren wurde. Matthias ist ein begeisterter Fußballfan und der offizielle Taschenträger des Essener Torschützenkönigs Helmut Rahn, der in Bern den Entscheidungstreffer landen wird. Durch den Sport und das um sich greifende WM-Fieber kommen sich Vater und Sohn allmählich näher, wächst die Familie neu zusammen, bekommt - vor allem die Kneipenszenen belegen es - die deprimierte Nachkriegsgesellschaft neues Selbstbewusstsein. Ende gut. Alles gut.
So einfach kann Vergangenheitsbewältigung sein. Die Konflikte, die sich im Nachkriegsdeutschland zwischen Ost und West, Väter und Söhnen, Frauen und Männern auftaten, werden ordentlich aufgelistet und sofort mit dem Zuckerguss der Versöhnlichkeit hermetisch versiegelt. Mit dem Zeigestock in der Hand singt Wortmann seine Moritat von der wundersamen Heilung der deutschen Seele durch die Kraft des Sports. Der aufdringliche Soundtrack unterstreicht die emotionalen Wendepunkte mit pathetischem Fortissimo und sekundiert der Nationalelf auf ihrem Weg zum Sieg mit rasselnden Dschingdarassabum-Klängen.

Martin Schwickert

D 2003 R&B: Sönke Wortmann B: Rochus Hahn K: Tom Fährmann D: Peter Lohmeyer, Johanna Gastorf, Peter Franke