BOOGIE NIGHTS


Subtiler Schock

Schön war die Zeit: Das Westküsten-Pornobusiness in den 70ern

Schmutz und Glamour, Triumphe und Tragödien, dies alles auf engstem Raum komprimiert. So präsentiert Boogie Nights die schmierige Welt des Pornobusiness. HipHop-Star Mark Wahlberg spielt Dirk Digler, dessen Intelligenz die eines Toastbrotes kaum übersteigt. Dafür ist er aber mit einem Genital gesegnet, das ihm bis in die Kniekehlen hängt. Routinier Burt Reynolds gibt den Sexfilm-Produzenten Jack Horner, der dessen "Talent" entdeckt und ihn über Nacht zum Star macht. Dirk genießt sein neues Leben in vollen Zügen: Das Leben ist eine Party, die niemals endet und auf der das Koks niemals ausgeht, gekrönt mit einer Unmenge Sex. Doch es kommt, wie es kommen muß: Die Drogen ziehen ihn nach unten, und er muß feststellen, daß Sex kein adäquater Ersatz für ersehnte Zuneigung ist. Kurz nachdem sein Stern am Porno-Himmel aufgegangen ist, wird dieser auch schon wieder zur Schnuppe.
Besonders beeindruckend ist die Intimität der Bilder von Robert Elswitt. Wenn die Kamera nach ständiger Bewegung endlich einmal zur Ruhe kommt und die 70er Disco-Musik, die fast den ganzen Film begleitet, einmal verstummt, dann rücken die Figuren in eine Nähe, die dem Zuschauer fast unangenehm ist. Die Charaktere, die Paul Thomas Anderson hier vorführt, sind von einer beeindruckenden Ambivalenz: Mal sind sie zärtlich und verletzlich, mal skrupellos und brutal. Ständig schwanken die Figuren zwischen menschlichem Abschaum und tragischem Heldentum, und zu keiner Zeit schimmert ein moralischer Zeigefinger durch. Es bleibt dem Zuschauer stets selbst überlassen, wie er denn nun mit der Amoral der Figuren umgehen soll. So gelingt es Boogie Nights auf subtile Weise zu schockieren.

Tom Malecha