DIE BUCHT

Verbrechen im Ozean


Das Interview zum Film

Viel zu oft hat man im Kino das Gefühl, dass ein Film nicht weiß, was er will. Bei Louie Psihoyos' » Die Bucht« ist die Sache klar. Alle Beteiligten an diesem Film wollen, dass das, was sie zeigen, aufhört.

Es geht um den Delfin-Fang in der japanischen Stadt Taiji. Schätzungsweise 35.000 Delfine pro Jahr werden hier von den Fischern in eine Bucht getrieben. Am anderen Tag stehen Delfin-Trainer aus aller Welt im Wasser und suchen sich die Tiere für ihre Shows aus. 150.000 Dollar zahlen sie für einen Delfin. Ein lukratives Geschäft für die Fischer von Taiji, aber auch für die weltweit über 200 Delfinarien, die Milliarden-Gewinne einfahren. Doch nur ein Bruchteil der Tiere, die die Fischer Tag für Tag in die Bucht treiben, wird von den Trainern gekauft. Der Rest wird, sobald die Kundschaft abgereist ist, in die nächste Bucht getrieben und abgeschlachtet.

Das vermutet zumindest Ric O'Barry, der sich seit fast vierzig Jahren als Aktivist für die Belange der Meeressäugetiere einsetzt. Kaum einer kennt sich mit Delfinen so gut aus wie er. In den Sechzigern trainierte O'Barry die fünf Delfine für die TV-Serie Flipper und brachte damit erst den Kult um die Kleinwale in Gang. O'Barry erzählt wie einer der Flipper-Delfine in seinen Armen zu atmen aufgehört hat, weil er das Leben in Gefangenschaft nicht mehr aushielt. Ein Erlebnis, das den bis dahin arglosen Trainer zu einem überzeugten Tierrechtsaktivisten werden ließ.

Das, was in der von außen nicht einsehbaren Bucht in Taiji vor sich geht, ist für ihn ein unfassbares Verbrechen. In dem Filmemacher Louie Psyihoyos von der "Oceanic Preservation Society" findet er einen kompetenten Mitstreiter. Psyihoyos stellt ein Team aus Unterwasserfilmern, Freitauchern, Surfern, Hi-Tech-Spezialisten bis hin zu einem Special-Effect-Meister von George Lucas' "Industrial Light & Magic" zusammen, um das geheime Abschlachten der Delfine in der Bucht zu dokumentieren.

Mit Nachtsichtkameras schleichen sie sich in das abgesperrte Areal, installieren getarnte Unterwasserkameras in den Felswänden und werden dabei immer wieder von der örtlichen Polizei und den Fischern überwacht und eingeschüchtert.

Wie einen Öko-Thriller im Format von Ocean's Eleven inszeniert Psyihoyos seine engagierte Dokumentation. Unterhaltung und Information über das Wesen der Delfine und das Geschäft mit ihnen verbinden sich hier zu einem äußerst spannenden und fundierten Agit-Prop-Werk. Die Bilder, die das maritime Elite-Team schließlich vom Abschlachten der Kleinwale einfängt, haben die Kraft, die Welt gegen das Vorgehen in Taiji aufzubringen.

Aber den Filmemachern geht es nicht nur um das Leben der Tiere, sondern auch um das der Menschen. Das Delfinfleisch, das in japanischen Supermärkten verkauft und sogar in Taiji zur Schulspeisung verwendet wird, ist hochgradig mit Quecksilber verseucht. Das Umweltgift, das sich im Körper der Delfine anreichert, macht sie zu schwimmenden Giftmülldeponien - und damit auch zum Symbol für den frevelhaften Umgang des Menschen mit den Ozeanen, in denen nach wissenschaftlichen Prognosen noch in diesem Jahrhundert keine Fische mehr leben werden.

Martin Schwickert

The Cove USA 2009 R: Louie Psihoyos B: Mark Monroe K: Brook Aitken