CITY OF INDUSTRY


L.A. anders

Harvey Keitel spielt wieder seine Rolle

Ich sehe das Leben als einen Kampf und habe dadurch viel gelernt. Die Fähigkeit, mit dunklen Momenten umzugehen, bestimmt die Höhen, die man ereichen kann". Natürlich sind das nur große Worte, die Harvey Keitel hier gelassen ausspricht. Trotzdem bringt der Schauspielveteran damit die Lebensmaxime vieler seiner Filmfiguren auf den Punkt. Egal ob Keitel den skrupellosen Cop (Bad Lieutenant) oder den freundlichen Zigarrenhändler (Smoke) spielt - immer umgibt die Charaktere eine Aura der Unverwundbarkeit, die durch erlittene Verletzungen erarbeitet wurde. Das gilt auch für den erfahrenen Altgangster Roy Egan, den Keitel in John Irvings City of Industry verkörpert. Egan hat sich irgendwo im Mittleren Westen zur Ruhe gesetzt, und nur um seinem Bruder Lee (Timothy Hutton) zur Seite zu stehen, läßt er sich auf einen letzten Coup im sommerlichen Palm Strings ein. Alles läuft nach Plan, die Diamanten sind im Sack, die Polizei tappt im Dunkeln, nur bei der Aufteilung der Beute gibt es Probleme. Skip (Stephen Dorff), der das Fluchtauto lenkte und die Waffen besorgt hat, schießt kurzerhand zwei Komplizen nieder. Nur Roy schafft es zu entkommen und ist entschlossen, sich für den Mord an seinem Bruder zu rächen. Unterstützung bekommt er dabei von Rachel (Bond-Girl '96 Famke Janssen), der beherzten Witwe des zweiten Ermordeten. Mit den Kontraheneten Skip und Roy treten zwei Gangster-Generationen gegeneinander an. Roy steht für einen altmodischen Ehrenkodex, der die Welt der Gesetzlosen nach unumstößlichen moralischen Richtlinien ordnet - ein Gangstertyp wie er in der filmische Realität des Genres seit Jahrzehnten propagiert wird. Skip repräsentiert die egoistische Skrupellosigkeit der 90er. Er will alles und das sofort. Stephen Dorff spielt diesen gefühllosen Jungkriminellen eindringlich und ganz ohne supercooles Getue. Ort des Duells ist die Hochglanzmetropole L.A.. City of Industry zeigt die Stadt von ihrer kühlen, abweisenden Seite: heruntergekommene Einwandererviertel, verlassene Industrieanlagen, kaltes, unnachgiebiges Licht. Ohne in überflüssigen Gewaltexzessen zu baden, zeigt Regisseur John Irving den moralischen Verfall der Stadt und eine Unterwelt, in der jeder jeden mit aller Härte bekämpft. In diesem Metier muß auch ein einsamer Held wie Roy ordentlich Federn lassen, aber gerade die Tiefpunkte seiner Figur setzt Harvey Keitel wieder einmal mit unverwechselbarer, schauspielerischer Wucht in Szene.

Martin Schwickert