DOGVILLE

Sklavenaufstand

Lars von Triers Kleinstadtbilder

Eine große, schwarz getünchte Lagerhalle. Auf dem Boden Kreidestriche, mit denen die Grundrisse von Häusern und Straßen skizziert sind, ein paar Möbel als Requisiten - das ist Dogville, und man fragt sich gleich zu Beginn: Wie soll man es 178 Kinominuten lang in dieser spartanischen Filmkulisse aushalten? Aber da hat einen schon die sonore Erzählerstimme hineingezogen in das Lehrstück des dänischen Regisseurs Lars von Trier, in dem alles mit einer absorbierenden Unaufhaltsamkeit ineinander greift.

Die Bewohner von Dogville, Colorado, sind einfache, gute Leute, die sich von der wirtschaftlichen Depression der 30er-Jahre nicht unterkriegen lassen. Im dörflichen Mikrokosmos hat jeder seinen festen Platz. Als eines Tages die Gangstertochter Grace (Nicole Kidman) hier strandet, entschließt sich die Gemeinde, auf Drängen des selbsternannten Dorfphilosophen Edison (Paul Bettany), der Verfolgten Asyl zu gewähren. Als zwischenmenschliche Gegenleistung hilft Grace in jedem Haushalt ein Stündchen aus.

Anfangs sind die Einwohner noch reserviert und wollen die Hilfsangebote der Fremden nicht annehmen. Aber bald schon ist Grace der Engel von Dogville, der jeden Tag von Haus zu Haus schwebt, um Gütiges zu tun. Als ein Steckbrief mit ihrem Bild auftaucht, wird erneut eine Versammlung einberufen. Die guten Leute von Dogville beschließen, sie nicht auszuliefern und als Dank für diese Großzügigkeit soll Grace in jedem Haus doppelt so lange bei halbiertem Lohn arbeiten. So beginnt die allmähliche Versklavung der Schutzsuchenden, die am Schluss wie ein Hund an die Kette gelegt wird und ihren Körper den notgeilen Männern von Dogville zur Verfügung stellen muss.

In Breaking the Waves war es Emily Watson, in Dancer in the Dark spielte Björk die Frauenfigur, die Lars von Trier auf dem Altar des Kinos opferte, um die Unmenschlichkeit des Menschengeschlechtes zu illustrieren. Alles deutet zunächst darauf hin, dass es Nicole Kidman nicht anders ergehen wird. Aber diesmal gönnt von Trier seiner gepeinigten Heldin ein Coming Out als Racheengel. Es gibt keinen finalen Hoffnungsschimmer, keine christliche Erlösersymbolik, nur ein alttestamentarisches Massaker, das Auge um Auge für erlittene Qualen Vergeltung übt.

An die Stelle der Brechstangen-Emotionalität von Dancer in the Dark tritt in Dogville kühle, unnachgiebige Analyse. Geduldig schält von Trier die Bösartigkeit hinter der freundlichen Fassade der amerikanischen Vorzeigekleinstadt heraus. Dabei kann er auf ein hervorragendes, präzise arbeitendes Ensemble zurückgreifen. Neben Nicole Kidman spielen Größen wie Lauren Bacall, Ben Gazzara, Philip Baker Hall sowie Patricia Clarkson, Chloë Sevigny und Stellan Skarsgard. Dogville lässt sich als ungeschönte Studie über den Warencharakter menschlicher Beziehungen lesen und darüber wie Macht das Wesen der Menschen korrumpiert. Aber Dogville ist auch ein Film über die USA - das Land, das von Trier schon in Dancer in the Dark am offenen Herzen operiert hat, ohne es selbst jemals betreten zu haben. Dogville ist der erste Teil seiner angekündigten Trilogie: "USA Land of Opportunities". Maßstabgetreu lässt sich die Allegorie über die Mechanismen der Macht auf das aktuelle Weltgeschehen, das Selbstverständnis der US-Außenpolitik und die freundlich-repressive Art, mit der der "american way of life" in die weite Welt exportiert wird, übertragen. Aber auch wenn man mit von Triers Untersuchungsergebnissen nicht unbedingt einverstanden ist, bleibt Dogville durch seine kluge, strenge und zugleich experimentelle Machart eine der spannendsten Erfahrungen, die man zur Zeit im Kino machen kann.

Martin Schwickert

DK 2003 R&B: Lars von Trier K: Anthony Dod Mantle D: Nicole Kidman, Paul Bettany, Ben Gazzara