LA FEMME NORMALE


Jenseits der Moden

Eine Frau ist eine Frau ist ..

Das uferlose Durchnudeln der Blockbuster, verbunden mit einem "Kunstbegriff" von Film, der sich am ehesten als "Studienratskino" umschreiben läßt (mein Lieblingsprojekt: Volker Schlöndorf verfilmt "Carmen" nach einem Buch von Dürrenmatt zur Musik von Philip Glass mit Bruno Ganz als ... ich hör' ja schon auf) ... jetzt hab' ich meinen Satz aus den Augen verloren ... ach so: die Münsteraner Monopolkinos haben den Markt so gründlich bereinigt, daß eine gewisse Art von Filmen bei ihnen überhaupt nicht mehr vorkommt oder, Gipfel der Arroganz, in Sontagsmatineén verheizt wird. Weshalb sich kleinere Veranstalter darum bemühen mußten, daß La Femme normale mit exakt 2jähriger Verspätung zu einem halbwegs würdigen Kinoeinsatz kommt.
Der Film von Virgine Thévenet erzählt die Geschichte von Eva. Eva war Stripteasetänzerin, Groupie, Punk, Gottessucherin - und will jetzt, wo sie meint, sich ausgetobt zu haben, nur noch eines: normal werden.
Diesem ungewöhnlichen Projekt stehen sowohl Evas Alter (gerade 20 geworden) als auch überhaupt die ganze Eva im Wege. Erst einmal hat sie eine üppige Figur wie aus den feuchten Macho-Träumen des Comic-Zeichners Pichard (weshalb noch im tristeten Bauernfummel die Männer sich nach ihr umdrehen). Und sie bewegt sich entsprechend, wiegt sich in den Hüften, trägt gerne durchsichtige Blusen und Bustiers darunter. Außerdem hat Eva eine originelle Art, die Dinge anzugehen. Sie ist naiv, laut, spontan, sexuell aufgeschlossen (vorsichtig ausgedrückt), zärtlich, depressiv, aufgedreht, meistens alles zugleich und durcheinander.
Also verläßt Eva ihr Strandhaus in der Bretagne und zieht zu ihrem schwulen Freund, um von dessen Wohnung aus die Jobsuche zu organisieren. Sie wird Putzfrau bei einem ältlichen Schwulen-Pärchen, dessen eine Hälfte sich für Gott hält, dessen andere Hälfte von Claude Charbrol gespielt wird, womit alles gesagt ist.
Nach und nach sammelt Eva die Trophäen der Bürgerlichkeit ein: Eigene Wohnung, Sozialversicherungsnummer, Führerschein. Jetzt fehlen nur noch ein Mann und ein Baby.
Daß die angestrengte Suche nach Normalität alles andere als Normal ist und Eva natürlich ihre Umgebung, aber niemals sich selbst ändern kann: das findet sich in dem bezaubernden Ende dieser Komödie, in der Eva alles, was sie erreicht hat, zu einer "Sammlung" arrangiert und zum Kunstwerk erklärt. Sie hat einen Mann, ein Baby und einen Führerschein. Aber normal wird sie niemals werden. Was uns freut. Denn das schöne wilde Leben der Verrückten ist das eigentliche Thema des Films. Daß sich dies nicht in schriller Abgedrehtheit präsentiert, sondern in Wärme, Zuneigung, Interesse füreinander und einer nonchalenten Ignoranz allen Normen gegenüber - das ist das herzerwärmenste an dieser kleinen Produktion, über die die Moden inzwischen etwas hinweggegangen sind. Aber das Kino hat ein langes Gedächtnis.

-thf-