FEVER PITCH


Fankurve

Liebe, Geist und Fußball: ein englischer Film über eigentlich Unvereinbares

Fußball ist unser Leben", sang mal eine Nationalmannschaft, und den Jungs hat man das ja abgenommen, immerhin verdienen sie eine Menge Geld damit. Aber immer, wenn wir diesen Fans begegnen, in der U-Bahn, wo man sie an den Schals erkennt, oder auf der Straße, wo ihre Autos Aufkleber tragen wie "Nicht hupen! Fahrer träumt von Schalke 04", kam uns, was die tun, irreal vor.
Nach Fever Pitch sehen wir etwas klarer. Hier geht es um einen Fußballfan, der ein wirklicher Fan ist - und nebenbei ein ganz normaler Mensch, Lehrer in diesem Fall. Er heißt Paul und ist bei seinen Schülerinnen und Schülern recht beliebt, weil er sich locker und kumpelhaft benimmt. Im Gegensatz zu seiner neuen Kollegin Sarah, die mehr die strenge Linie im Unterricht vertritt. Und natürlich kann Sarah Fußball gar nichts abgewinnen und findet Fans sowieso inakzeptabel. Klar: Paul und Sarah verlieben sich ineinander, und dabei stellt sich heraus, daß in Wirklichkeit Paul der Gehemmte und Sarah die Offene ist, was aber nicht allzusehr betont werden sollte, weil Fever Pitch die Liebesgeschichte nur zum Vorwand nimmt, einen Entzug zu schildern: Pauls Entzug von "seinem" Verein FC Arsenal.
Paul ist nämlich kein Fan, sondern ein echter Fußball-Junkie, oder vielleicht sind alle Fans Junkies? Paul jedenfalls ist einer, seine Lebensplanung basiert auf Spielplänen und seine Stimmung und Ausgeglichenheit ist abhängig vom Tabellenstand seiner Helden. Und im Moment geht's aufwärts, weil FC Arsenal nämlich das erste Mal seit 18 Jahren wieder die Chance auf den englischen Meistertitel hat. Jedes gewonnene Spiel ein Himmelhochjauzend, jede Niederlage ein Zutodebetrübt. Und als Paul am Tag einer Niederlage zufällig auch wider Erwarten nicht zum Konrektor seiner Schule befördert wird, ist ihm das ziemlich egal. Das bringt Sarah zur Weißglut, schließlich erwartet sie erstens ein Kind von Paul, zweitens hat er ihr einen von Familie und mehr Geld erzählt - aber da hatte Arsenal gerade gewonnen - und drittens sei das doch "nur ein Spiel", was Paul jedoch überhaupt nicht findet, womit die Beziehung erstmal beendet ist.
Fever Pitch spielt vor dem Hintergrund der Arsenal-Saison 1988/89, als der Verein tatsächlich nach einem eigentlich ungewinnbaren Endspiel gegen Liverpool doch noch Meister geworden war. In dieser Saison ist aber auch in Hillsborough die Fußballkatastrophe passiert, bei der 95 Zuschauer ums Leben kamen, wodurch der Film ziemlich authentisch wirkt.
Ehrlich gesagt: die Liebesgeschichte zwischen Paul und Sarah funktioniert nicht, es gibt keinen Grund, warum der Fußballfan seine Leidenschaft wegen dieser Zimtzicke aufgeben sollte, und umgekehrt wird eine ordnungsliebende Intellektuelle wenig Freude an einem chaotischen Arsenal-Fanatiker haben. Und all die Möglichkeiten, die so eine Konstellation zum Laufen bringen können, werden nicht genutzt. Schade, aber: nicht so schlimm. Weil Fever Pitch uns Unbedarften einen guten Einblick in die Fan-Welt verschafft und das Fan-Feeling ganz gut rüberbringt. Zum Beispiel der Moment, in dem Paul als 14jähriger das erste Mal das Highbury-Stadion betritt, und ihm die Weite des Innenraums, die euphorische Stimmung und die kraftvollen Gesänge entgegenschlagen. Ein großer Moment für einen orientierungsbedürftigen Teenager, und ein starker Moment im Film, weil man hier die Faszination ein bißchen nachempfinden kann.
"Wenn du Fußballfan werden willst, mußt du dich für eine Mannschaft entscheiden": das ist der erste Lehrsatz, den der kleine Paul im Stadion hört, und er richtet sich danach. Und wir Kinozuschauer haben unseren Erkenntnisgewinn. Weil es offensichtlich nicht um Fußball geht, sondern um Vereine, um Marken.
Fever Pitch wird aus der Perspektive des Fans erzählt, also mit mehr als bloßer Sympathie. Und wenig mehr als Fairness der weiblichen Hauptrolle gegenüber. Es geht darum, normalen Leuten die Freuden des Fan-Daseins zu erörtern und dabei gleichzeitig den eigenen Ausstieg (der ein Happy end darstellen würde) zu begründen. Dadurch wirkt der Film sehr ehrlich, aber auch etwas ungeschlacht, was gut zu den ungekünstelten Bildern und der gradlinigen Stimmung paßt.

Jens Steinbrenner