FLEISCH IST MEIN GEMÜSE

Stupide Partymasse

Herr Strunk tritt in der Verfilmung seines Buches »Fleisch ist mein Gemüse« selbst auf. Quasi als Beilage

Ähnlich wie Sven Regeners Herr Lehmann hat auch Heinz Strunk mit seinem autobiografischen Roman Fleisch ist mein Gemüse aus der Ereignislosigeit der 80er Jahre größtmögliches literarisches Kapital geschlagen. Drappiert Regener seine lethargische Hauptfigur vor der Kneipenlandschaft von Berlin-Kreuzberg, porträtiert Strunk den ambitionslosen Saxophonisten einer Tanzmusikkapelle, die durch die norddeutsche Provinz tingelt. Gemeinsam ist beiden Helden ihre phlegmatische Grundeinstellung gegenüber dem, was die Anderen "das Leben" nennen, und die konsequente Weigerung erwachsen zu werden.

In einem kleinen Reihenhaus vegetiert Heinz (Maxim Mehmet) allein vor sich hin, seit die Mutter (Susanne Lothar) nach einem Selbstmordversuch wieder einmal in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Ein Anruf des Kapellmeisters Gurki (Andreas Schmidt), der die Tanz- und Partyformation "Tiffanys" leitet, erlöst ihn aus der Perspektivlosigkeit.

Die Tanzkapelle tourt über das platte Land und sorgt mit Oldies, Evergreens, Volksliedgut und Hits aus den vergangenen fünf Jahrzehnten für Stimmung. Von der Hochzeitsfeier in Moorwerder, über das Schützenfest in Garlstorf bis hin zur Ü-30-Party in Todtglüsingen haben die Musiker in ihren pinkfarbenen Glitzerjacketts die trunksüchtigen Massen voll in der Hand.

Nebenbei versucht Heinz seine Karriere als Musikproduzent in Gang zu bringen und verguckt sich in die Sängerin Anja (Susanne Bormann), deren Herz er vergeblich mit einer Vielzahl von selbst zubereiteten Hackfleischgerichten zu erobern sucht.

Tief hinein begibt sich Regisseur Christian Görlitz in die ländliche Partyszene, wo sturzbetrunkene Schützenkönige aus der Fassung geraten und die rockende Provinzjugend wilde Orgien feiert.

Ausführlichst und in drastischen Farben hat Strunk im Roman die Szenerie beschrieben, und auch Görlitz setzt die ausufernden Feste in schmuddeligen Landgasthöfen als skurrile Happenings in Szene. Aber während das Buch wenigstens punktuell ein wenig Empathie für die Landbevölkerung durchscheinen lässt, wird in der Verfilmung das Bauernvolk als stupide Partymasse vorgeführt.

Dafür hat Görlitz das Liebesleben seines Helden ein wenig ausgebaut und führt den akneversehrten Endzwanziger nach einigen peinlichen Fehlversuchen schließlich sogar in ein amouröses Happy End.

Als Erzähler einer gründlich überflüssigen Rahmenhandlung wurde der Romanautor selbst gecastet. Schließlich gilt Heinz Strunk spätestens seit er die VIVA-Show "Fleischmann-TV" moderiert hat als Medienpersönlichkeit. Aber auch wenn der Autor den Film durch seinen Kurzauftritt adelt, fällt die Leinwandversion gegenüber dem Buch doch deutlich ab. Vor allem die traurigeren Seiten des vereinsamten Helden wurden sichtbar heruntergedimmt, wodurch die autobiografische Geschichte einiges von ihrer melancholischen Stimmung und selbstanalytischen Tiefe einbüßt hat.

Martin Schwickert

D 2008 R&B: Christian Görlitz K: Andreas Höfer D: Maxim Mehmet, Andreas Schmidt, Oliver Bröcker, Susanne Lothar