DER GENERAL


Gangster und Geliebter

John Boormans Portrait des Gauners Martin Cahill

Manchmal gibt es im echten Leben Figuren, die kein Drehbuchautor hätte besser erfinden können. In den 80er Jahren beherrschte der irische Einbrecherkönig Martin Cahill die Schlagzeilen auf der grünen Insel. Mit spektakulären Raubzügen hielt der Dubliner Gangster Polizei und Justiz zum Narren, ohne daß er jemals rechtskräftig für seine Vergehen verurteilt werden konnte. Cahill war einer dieser anarchistischen, kriminellen Rebellen, wie sie die irische Geschichte immer wieder hervorgebracht hat. Er legte sich schließlich sogar mit der IRA an, die ihn 1994 auf offener Straße niederschoß.
Der britische Regisseur John Boorman beginnt sein Gangster-Portrait mit der Ermordung des Helden und spult die Ereignisse in einer rasanten Zeitraffersequenz um 30 Jahre zurück. Schon als Junge unterhielt Martin Cahill (Brendan Gleeson) die vaterlose Familie durch Lebensmitteldiebstähle. Der Aufenthalt in einer katholischen Besserungsanstalt und die sexuellen Belästigungen seitens der priesterlichen Erzieher stärken sein Bewußtsein gegen jegliche Autoritäten und seinen Stolz als Außenseiter der Gesellschaft. Ist er anfangs noch allein als Einbrecher unterwegs, unterimmt er später mit seiner Gang millionenschwere Raubzüge durch Juwelierbetriebe und Gemäldegalerien. Ebenso unorthodox wie seine berufliche Existenz ist Cahills Privatleben. In trauter Dreisamkeit lebt und liebt er mit Ehefrau und Schwägerin zusammen, am Monatsanfang vergißt er nie, sein Arbeitslosengeld abzuholen. In ihrer Machtlosigkeit beginnt die Polizei schließlich, Cahill und seine Gang mit einer 90köpfigen Sondereinsatzgruppe unter Leitung von Inspector Kenney (Jon Voight) rund um die Uhr zu überwachen. Monatelang wird sein Haus belagert. An dem Morgen, an dem er ermordet wird, sind jedoch plötzlich alle Polizisten verschwunden.
Regisseur Boorman ist es gelungen, ein unverklärtes und trotzdem hochunterhaltsames Portrait dieser fast mythischen Figur zu zeichnen. Gewitzter Ganove, liebender Familienvater, klassenbewußter Egozentriker und knallharter Gangsterboss - es ist gerade die Widersprüchlichkeit des Helden, die diesem Film besondere Würze verleiht. Obwohl die Handlung in der jüngsten Vergangenheit angesiedelt ist, verwendet Boorman nostalgisches Schwarz-Weiß und erinnert damit an die Genre-Traditionen der amerikanischen Gangsterballaden der 30er und 40er Jahre. Der General verbindet die spannungsgeladene Coup-Dramaturgie des Genres mit augenzwinkerndem irischen Humor. Wie nebenbei gelingt Boorman mit diesem keltischen "Film Noir" auch ein Schnappschuß vom gegenwärtigen Zustand der irischen Gesellschaft weitab der touristischen Kino-Klischees.

Martin Schwickert