BEAUTIFUL GIRLS


Männer im Schnee

Ein romantischer Räumdienst an der Geschlechterfront

Alles dreht sich um die Frauen. Fast. Denn immerhin sind hier die Männer nicht "alles", auch wenn sie sich um ihre Frauen drehen, um die Frauen anderer Leute, und um die Frauen, die in ihren besten Momenten ganz bei sich sind. Oder erst nach dem Ende des Films zur Frau werden. Beautiful sind sie alle, schön ist nur Uma Thurman - und die schneit bloß im Mittelteil mal kurz fee-mäßig vorbei, um schon bald wieder wegzutauen.
Alles dreht sich um die Männer. Meistens. Obwohl es eigentlich nur die langweiligste Figur zum Mann mit Frau und Kindern gebracht hat. Aber immerhin wird die strukturelle Hauptperson nach dem Film heiraten. Ob er dann noch Klavier spielt, steht dahin.
Mit Timothy Hutton fängt die Geschichte an. Er klimpert in den Bars der großen Stadt herum, will nicht erwachsen werden - und will doch kein Künstler mehr bleiben. Also fährt er zurück zu seinen Wurzeln. Die liegen im Hinterland, in der kleinen Stadt, im Schnee begraben. Den wiederum seine daheimgebliebenen Schulkameraden aus übriggebliebener Schülergaudi vor die Garageneinfahrt der Angebeteten schieben (Michael Rapaport, der daran arbeitet, nicht zu sehr nach Sean Penn auszusehen). Oder sich vom ehemals heißesten Mädchen der Klassse Glühwein in den Schneepflug reichen lassen (Matt Dillon, der viel mehr Kleinstadtfilme machen sollte), während deren Mann auf Dienstreise ist.
Alle leiden daran, und die meisten Frauen leiden darunter, daß die männliche Klassen-Bande ihre alten Rollen (Crack, Clown, Kumpel, Künstler) nicht ins Leben hinüber retten konnten. Und die einzige, die das erkennt, ist ein altkluges 13jähriges Mädchen, in das sich Timothy Hutton und der ganze Kinosaal vom ersten Schneeball an verlieben (Natalie Portmann, noch wunderbarer als in Léon). Allein wegen ihrer verfrorenen Kessheit in Daunen mußte man das Kino erfinden. Und den Winter.
Es gibt ein Dutzend Typen mehr, und Regisseur Ted Demme gelingen auch einige Porträts anrührend oder amüsant (etwa Rosie O'Donnell als patente Mollige, die einen herrlichen Monolog über Super-Busen und Ärsche auf Illustriertentiteln hat) - aber die zwei Dutzend anheimelnd satirischen Szenen runden sich dann doch nur zum Kitsch.
Fast alles wird gut, fast alle Männer finden zu der richtigen Frau - aber im Augenblick ist einfach die Jahreszeit noch nicht danach, das Spiel aus Kamin und Eis mit dem angemessenen Pullover-Herzen zu goutieren. Hätten wir Anfang Februar, so wie im Film, wäre dies die Geschichte der Saison. Aber im Herbst, mit noch ein paar echten warmen Tagen im Rücken, sehen wir den meisten Menschen, Männern und Mädchen eben an, daß sie nur als Figuren auftreten, als Ausschläge auf dem Beziehungs-Thermometer. Die Glühwein-Wonnen, das Versprechen auf Wohlergehen zwischen Schneemännern und Eisprinzessinnen - und der ambivalente Genuß von Rückkehr an den Ofen und Aufbruch ins Offene, der stellt sich im November eben nur als erkennbar absichtsvoller her.
Vielleicht käme es besser, würden wir Beautiful Girls zusammen mit seinem in Sommer und in einer anderen, hoffnungsvolleren Epoche spielenden Vorläufer American Graffiti sehen.

WING