GIRLS NIGHT


Zocken bis zum Ende

Zwischen Tragik und Komik: Zwei Damen in Las Vegas

Es beginnt mit einem interkontinentalen Schwenk. Irgendwo in Nevada auf einer Veranda legt ein gealterter Cowboy (Kris Kristofferson) Karten und deckt das Herz-As auf. Die Kamera schwenkt vom Tisch hoch, fliegt in den sonnigen Himmel und landet in den trüben Straßen eines nordenglischen Gewerbegebietes. In einer Fabrikhalle stecken Frauen in weißen Kitteln die Elektronikteile eines japanischen Konzerns auf Leiterplatinen. Zwei davon sind Dawn und Jackie. Keine von ihnen glaubt, daß sie jemals dorthin kommen könnten, wo der Cowboy gerade seine Karten legt.
Dawn und Jackie sind unzertrennliche Freundinnen und ein ungleiches Paar. Dawn (Brenda Blethyn) sorgt treuherzig für Mann, Kinder und Vorgarten, während Jackie (Julie Walters) ihrem schlechtgelaunten Alten widerwillig das Microwellenmenü aufwärmt und auch mit fünfzig scharf aufs Leben und auf andere Männer ist. Gemeinsam ist den beiden Working-Class-Ladies die Liebe zu Julio-Iglesias-Musik, Bacardi-Cola und Bingo. Jeden Freitag ist "Girls Night" im Bingo-Club, und während Jackie im Hinterzimmer den Casino-Manager vernascht, knackt Dawn vorne im Saal den 100.000 Pfund-Jackpot.
Wie immer wird geteilt, und mit dem unverhofften Geldsegen könnte das Leben neu beginnen. Jackie schmeißt den unterbezahlten Job, packt die Koffer und verläßt ihren Mann. Dawn hingegen zahlt die Kredite für Haus und Auto ab und erfährt kurz darauf, daß sie an Krebs tödlich erkrankt ist.
Was jetzt beginnt, ist jener Balanceakt zwischen Komödie und Tragödie, wie ihn derzeit nur der britische Film beherrscht. Die beiden Freundinnen erfüllen sich einen langgehegten Traum: eine Reise ins Zocker-Paradies Las Vegas. Ausbruchseuphorie mischt sich mit dem Gefühl des endgültigen Abschiednehmens. Vegas-Glamour gegen Todesangst. Dann betritt Kris Kristofferson als amerikanischer Traummann die Szenerie und Jackie versucht Dawn ein letztes Liebesabenteuer zu vermitteln.
Nick Hurrans Girls Night setzt sich wohltuend von Sterbeschnulzen wie Zeit der Zärtlichkeit ab. Zwar greift man auch hier gelegentlich nach dem Schnupftuch, aber jede sentimentale Szene wird wieder mit herzhaftem proletarischen Mutterwitz zurechtgerückt. Brenda Blethyn (Secrets and Lies) und v.a. Julie Waters überstehen auch tragische Momente, ohne die Bodenständigkeit ihrer Figuren aus den Augen zu verlieren. Wieder einmal macht sich hier die britische Filmrezeptur bezahlt, die die Charaktere glaubhaft im Alltag zu verankert, statt sie nur als Projektionsfläche für rührseeleige Weltschmerzelei zu benutzen.

Martin Schwickert