HOTEL

Allein im Wald

Ein ziemlich weiblicher österreichischer Mystery-Thriller

Thriller wie etwa The Sixth Sense tun so, als ob sie uns an der Nase herumführen. Aber die Symbole, die Kamerabewegungen, das Anschwellen der Musik folgen Genregesetzen, die dem Publikum vertraut sind. Am Ende wird ein Auflösung präsentiert, die das Mysteriöse entschlüsselt und die unbekannte filmische Welt wieder in die Realität, wie wir sie kennen, transzendiert.
Diesen Mustern verweigert sich Jessica Hausners streng konzipierte Thrillervariation Hotel. Dabei wirkt Irene (Franziska Weisz) wie eine bekannte Heldin aus einem Hitchcock-Film. Ihr blondes Haar sticht heraus aus der grauen Umgebung des unverschneiten Winterwaldes. Unschuldig gerät sie - und mit ihr das Publikum - in eine Welt, die sie zu verschlingen droht. Als Auszubildende fängt sie im Waldhotel an, das seinen Gästen die absolute Ruhe abseits der Zivilisation verspricht. Endlos und labyrinthisch sind die Hotelflure, durch die sich Irene in ihrer roten Arbeitsuniform bewegt.
Ein Feueralarm, der nachts immer wieder von unbekannter Hand ausgelöst wird, eine Kette, die spurlos verschwindet, ein zerbrochenes Brillenglas, das sie zwingt die zurückgelassene Brille ihrer verschollenen Vorgängerin anzuziehen und die kühle, desinteressierte Verschwiegenheit des Personals summieren sich zu einer diffusen Bedrohung. Hinzu kommt der Wald, durch den der Wind rauscht, und als Haupttouristenattraktion des Ortes eine Höhle, in der einmal eine Hexe gehaust haben soll.
Immer wieder sehen wir Bilder, in denen die Heldin von der Dunkelheit ihrer Umgebung verschlungen wird. Vom Wald, von der Höhle, von den Schatten der unvollständig beleuchteten Hotelflure. Hausner konstruiert die Spannung mit einer sehr strengen Bildästhetik, die mit den gewohnten Genrezeichen arbeitet und sie gleichzeitig immer wieder ins Leere laufen lässt. Auf musikalische Untermalung aus dem Off verzichtet sie fast ganz. Sie nimmt das Publikum bei der Hand und lässt es immer wieder allein im Wald der Genrezeichen zwischen Hitchcock und Gebrüder Grimm. Ihr spröder und in seiner kompromisslosen Art sehr österreichische Thriller ist ein auf interessante Art frustrierendes Seherlebnis, das die Verunsicherung nicht aufhebt und die Aufschlüsselung bis zum Schluss konsequent verweigert.

Martin Schwickert

Ö 2004 R&B: Jessica Hausner K: Martin Gschlacht D: Fransiska Weisz, Birgit Minichmayr, Marlene Steeruwitz