IGBY

Tot durch Joghurt

Eine etwas andere Familien-Komödie

Susan Sarandon röchelt. Oder sie schnarcht. So genau lässt sich das nicht feststellen. Auf jeden Fall liegt sie auf dem Sterbebett. Um sie herum eine Armee von bestickten Kopfkissen. Daneben die beiden Söhne, die das Gift in den Fruchtjoghurt gerührt haben und das lautstarke Ableben der Mutter mit sarkastischen Kommentaren begleiten. Irgendwann verlieren sie die Geduld und ziehen ihr eine Plastiktüte über den Kopf.

Starker Tobak, möchte man meinen, so ein Muttermord als Filmauftakt. Aber Burr Steers Igby präsentiert die morbide Szene vollkommen undramatisch und bestimmt damit die lakonische Erzählhaltung der folgenden 97 Kinominuten.

Aber was ist das für eine Familie, in der die Söhne ganz ohne Reue ihre Mutter vergiften dürfen? Am Esstisch der Slocumbs versammeln sich so viele Neurosen und emotionale Defekte, dass sich ein ganzes Heer von Therapeuten über Jahre hinweg davon ernähren könnte.

Die Slocumbs schwimmen im Geld. Mutter Mimi (Susan Sarandon) wacht wie ein Tiger über Vermögen und gesellschaftliches Prestige und stopft dabei Tabletten wie andere Leute Süßigkeiten in sich hinein. Mit Verachtung blickt sie auf ihren Mann (Bill Pullman), der schon lange nicht mehr arbeitet und sich in seiner Schizophrenie eingemauert hat.

Aus unterschiedlichen Universen scheinen auch die beiden Söhne entsprungen zu sein. Oliver (Ryan Phillippe) hat seine Karriere schon in jungen Jahren genau durchgerechnet - ein herzkalter Zyniker, der seine Sätze wie Wurfmesser in den Raum schleudert. Dem jüngeren Bruder Igby (hervorragend: Kieran Culkin) hingegen kommt die Rolle des Versagers zu. Sein einziger Ehrgeiz besteht darin, möglichst schnell von möglichst vielen Schulen zu fliegen, auch er ist ein junger Zyniker, allerdings einer, der erst in der Niederlage wirkliche Größe zeigt.

Aus Igbys Perspektive blickt Steers mit seinem autobiografisch inspirierten Kinodebüt auf die verhärteten Fronten des Familienkrieges und den holprigen Weg des Erwachsenwerdens.

Als die Mutter den 17jährigen Leistungsverweigerer in ein Militärinternat steckt, ergreift Igby die Flucht und findet in der New Yorker Boheme Unterschlupf. Widerwillig nimmt die Möchte-Gern-Künstlerin Rachel (Amanda Peet) den Ausreißer in ihrem leergeräumten Atelier auf. Dass das Loft Igbys korruptem Onkel D.H. (Jeff Goldblum) gehört und Rachel ihre Miete an ihn in Naturalien bezahlt, verkompliziert die Angelegenheit nur unwesentlich. D.H. ist der J.R. der Slocumbs. Persönlichen Beziehungen fixiert er in schriftlichen Verträgen und ahndet Verstöße rigoros. Vergeblich versucht Igby den allmächtigen Familienverstrickungen zu entfliehen. Die existenziell gelangweilte Studentin Sookie (Claire Danes) wird für den Jungen zur einzigen Vertrauten. "Du bist witzig", sagt Sookie immer wieder zu ihm, ohne eine Miene zu verziehen. Überhaupt wird in Igbys Umwelt viel über Gefühle geredet, aber nur wenig tatsächlich gefühlt.

Aus der Selbstdistanziertheit der Figuren ergibt sich der schräge, anfangs etwas gewöhnungsbedürftige Humor des Films, der eine gewisse Seelenverwandtschaft mit Wes Andersons Royal Tenenbaums aufweist. Wie hinter Glas blickt der Film auf die Charaktere, die sich in den Sarkasmus flüchten, weil es oft keinen besseren Ort für sie gibt. Igby ist eine intelligente Kampfansage an das überladene Gefühlskino Made in Hollywood. Eine melancholische Komödie, die vom Fremdsein im eigenen Leben und vom Jungsein in einer kaltherzigen Gesellschaft erzählt.

Martin Schwickert

Igby Goes Down USA 2002 R&B: Burr Steers K: Wedigo von Schultzendorff D: Kieran Culkin, Claire Danes, Jeff Goldblum, Susan Sarandon