IRREVERSIBLE

Blutige Rache

Ein Skandalfilm auf der Suche nach der Idylle

Es gibt keine Untaten, nur Taten", sagt ein Man zu Beginn von Gaspar Noés Irreversible , und der Film scheint sofort das Gegenteil zu beweisen. Zwei Männer stürmen in eine Pariser Schwulenbar und arbeiten sich immer tiefer vor in die weit verzweigten Darkroom-Höhlen. Sie suchen einen Mann. Dann finden sie den Kerl, schlagen sofort auf ihn und zertrümmern mit dem Feuerlöscher seinen Schädel.
Eine Untat, so offensichtlich, dass man sofort aus dem Kino rennen möchte. Aber jede Untat hat eine Vorgeschichte, und Irreversibel folgt der Spirale der Gewalt in spiralförmigen Rückwärtsbewegungen. Die Kamera beginnt sich aus dem Raum heraus zu drehen, und am Ende der Bewegung ist das Geschehen um eine Szenen zurückgespult.
Wir sehen die beiden Männer, Marcus (Vincent Cassel) und Pierre (Albert Dupontel), die angetrunken aus dem Haus stolpern und mit ansehen müssen, wie der leblose, verunstaltete Körper ihrer Freundin Alex (Monica Bellucci) in den Notarztwagen verladen wird. Dann sehen wir Alex, die die Party früher verlässt und von einem Vorbeikommenden brutal misshandelt und vergewaltigt wird. Schleifenförmig arbeitet sich der Film vom Ende zum Anfang der Geschichte vor und setzt das Leben des Opfers, wie in einer Art filmischen Wiederauferstehung, neu zusammen. Und mit jeder Szene wird das Verbrechen, dass die Kamera in aller Ausführlichkeit aufgezeichnet hat, noch schmerzhafter.
Irreversibel ist ein rücksichtsloser Film über Untaten, die durch nichts in der Welt wieder gutzumachen sind. Erst recht nicht durch den naheliegenden Racheakt, dessen blinde Wut ohnehin den Falschen trifft. In Cannes führte die neun minütige Vergewaltigungsszene im letzten Jahr fast zum Eklat und brachte Irreversibel das Etikett "Skandalfilm" ein.
Man muss gute Gründe haben, um dem Publikum eine solche Szene zuzumuten, und die Gründe, die Zoé auf den Tisch legt, überzeugen nicht wirklich. Das Verfahren, aus dem Tod heraus das Leben des Opfers zu rekonstruieren, entfaltet zwar eine große Tiefenwirkung. Aber wenn am Ende die Frau das ungeborene Leben in sich tragend auf einer grünen Wiese gezeigt und somit dem Anfangsbild aus einer schwulen Sado-Maso-Hölle entgegengestellt wird, dann mischt sich in Noés offensiven Nihilismus eine etwas einfältige Vorstellung über die Naturhaftigkeit von Mann und Frau.
So sehr einen der Film auch aufwühlt - nach der Schockverarbeitung bleiben doch nur ein paar zivilisationspessimistische Plattitüden übrig, die Noé mit der eitlen Geste des Provokateurs ins Poesiealbum der Filmgeschichte schreiben will.

Martin Schwickert