LIAM

Heulendes Elend

Stephen Frears beobachtet die Arbeiterklasse

Liverpool Anfang der 30er Jahre: Die Weltwirtschaftskrise wütet und stürzt ganze Straßenzüge in die Armut. Der 7jährige Liam (Anthony Borrows) wohnt im irisch-katholischen Viertel der rußigen Industriestadt und sein Vater (Ian Hart) ist hier einer der wenigen, der noch einen Job hat. Im engen Haus herrscht strenge proletarische Disziplin. Wortlos räumt der ältere Sohn den Sessel, wenn der stolze Familienernährer abends nach Hause kommt. Schließlich wird Liams Vater ebenfalls entlassen und verliert mit dem Job zunehmend auch an Selbstwertgefühl.
Der ältere Sohn (David Hart) übernimmt die Rolle des Ernährers und Tochter Teresa (Megan Burns) verdingt sich als Hausmädchen bei einer jüdischen Fabrikantenfamilie. Während dessen plagen den kleinen Liam ganz andere Sorgen. Bald hat er Erstkommunion, und die harsche Religionslehrerin führt die Schüler mit sadistischer Inbrunst in die Sündenlogik des Katholizismus ein. Liam stottert, angesichts drohender Höllenqualen wird die bevorstehende Beichte zur unüberwindbaren Hürde. Der Vater schiebt die Schuld an der persönlichen Misere zunächst den irischen Billiglohnarbeitern und später den jüdischen Geschäftsleuten zu. Der Antisemitismus nimmt immer deutlichere Formen an. Der Laden eines jüdischen Pfandleihers geht in Flammen auf. Die britischen Faschisten mobilisieren auf den Straßen. Schließlich streift auch Liams Vater die schwarze Kampfmontur über und schleudert einen Molotow-Cocktail in die Villa des jüdischen Fabrikbesitzers.
Stephen Frears ist an der Aktualität des Stoffes gelegen. Im historischen Rückblick lassen sich Bigotterie und Rassismus klarer konturieren. Genau hierin besteht das Problem des Films. Allzu prototypisch ist die Entwicklung des frustrierten Arbeitslosen, den Ian Hart so prägnant als wandelnden Dampfdrucktopf verkörpert, hin zum zündelnden Faschisten. Die Stärke von Liam liegt weniger im politischen Diskurs, als im Studium des Privaten. Aus der Kinderperspektive zeigt Frears wie die Festung Familie zwischen ökonomischer Krise und moralischen Zwangsvorstellungen aufgerieben wird. Die Ironie, mit der der Film durch die Augen des Jungen auf die kriselnde Erwachsenenwelt blickt, bewahrt Liam schließlich doch noch vor der staubigen Langeweile eines historischen Lehrstücks.

Martin Schwickert

GB/D 2000 R: Stephen Frears B: Jimmy McGovern K: Andrew Dunn D: Ian Hart, Claire Hackett, Anthony Borrows