MANDERLAY

Das Experiment
Lars von Trier zeigt die Mühen der verordneten Freiheit

Für jemanden, der noch nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat, hat Lars von Trier uns einiges über die Vereinigten Staaten von Amerika zu erzählen - ob nun in dem von ihm geschriebenen Dear Wendy, in Dogville oder dessen Sequel Manderlay, das nach seiner Premiere beim diesjährigen Cannes Film Festival nun den Weg jetzt in die Kinos kommt.
Statt Nicole Kidman, die sich (offiziell) aus Zeitgründen von dem zweiten Teil der geplanten Trilogie verabschiedete, schlüpft diesmal Bryce Dallas Howard (The Village) in die Rolle von Grace, die zu Beginn des Films mit ihrem Vater und dessen Ganoven-Gang auf die alte Plantage Manderlay stößt, deren Name uns noch aus Hitchcocks Rebecca bekannt vorkommen sollte.
Geschockt davon, dass hier, 70 Jahre nach ihrer offiziellen Abschaffung, noch die Sklaverei herrscht, startet Grace ein ungewöhnliches soziologisches Experiment: sie befreit die Sklaven und lässt stattdessen die weißen Besitzer der Plantage die harte Arbeit übernehmen. Als sich dann herausstellt, dass die ehemaligen Sklaven nur wenig mit ihrer neu gewonnenen Freiheit anfangen können, geht Grace zum zweiten Teil ihres Plans über: Unterricht in Demokratie für die bislang unterdrückten Arbeiter, um aus ihnen vollwertige Amerikaner zu machen - eine wenig subtile Anspielung auf die andauernde Demokratisierung des Irak, die in dem zeitlich und bildlich abgerückten Setting des Films jedoch nur dezent herüberkommt.
Gedreht mit ähnlich minimalistischen Mitteln wie Dogville (keine vollständigen Kulissen, nur wenige Requisiten) und einem ähnlich hochkarätigen Ensemble, entpuppt sich Manderlay als der weniger sperrige und mit 139 Minuten Spielzeit auch weitaus kürzere der beiden Filme. Dennoch ist auch von Triers zweite Lektion über die USA mehr intellektuelle Übung als massenkompatibles Kino.
Trotzdem gelingt es dem Film, wie seinem Vorgänger, dank von Triers strikter Weigerung, seine riskante Dramatik in politisch-korrekte Watte zu betten, zu faszinieren und auch nach langer Zeit im Hinterkopf zu bleiben ein kleines Kunststück, dass selbst die versiertesten europäischen Kollegen des verrückten Dänen nur zu selten vollbringen.
Spätestens nach Washington, dem dritten Teil seiner Trilogie, dürfte Lars von Trier die Ehre zuteil werden, nach der er scheinbar insgeheim buhlt: ein Platz auf der schwarzen Liste der US-Immigrationsbehörden. Aber da will er ja sowieso nicht hin.

Karsten Kastelan
DK/S/NL/F/D 2005 R: Lars von Trier. B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. D: Bryce Dallas Howard, Isaach De Bankole, Danny Glover, Willem Dafoe, Lauren Bacal, Jean-Marc Barr, John Hurt.