MERRY CHRISTMAS

Frontkitsch
Europäische Weihnachsseligkeit im Schützengraben

Den Anfang macht ein Dudelsack. Von Heimweh und weihnachtlicher Besinnlichkeit gepackt, greift der schottische Militärkaplan nach dem Blasebalg-Instrument. Die Klänge von "Stille Nacht, heilige Nacht" werden aus dem Schützengraben heraus zu den feindlichen Stellungen getragen. Auf der anderen Seite stimmt ein deutscher Operntenor ein, schwingt sich aus dem Graben und schreitet singend und unbewaffnet in das umkämpfte Niemandsland hinein.
Man schreibt Weihnachten 1914. Der Erste Weltkrieg ist ein paar Monate alt und hat sich an der Westfront festgefressen. Der Elan, mit dem die jungen Männer gegeneinander in den Krieg zogen, ist im Schlamm der Schützengräben versickert. Die Kriegstechnik ist soweit fortgeschritten, dass die Defensive der Offensive hoffnungslos überlegen ist. Die Frontlinie verschiebt sich nur noch meterweise. Im belgischen Ypern stehen sich am Heiligen Abend 1914 deutsche, französische und schottische Truppen gegenüber, als der Dudelsackbläser und der Heldentenor über die Schützengräben hinweg eine temporäre Völkerverständigung initiieren.
Der französische Regisseur Christian Carion hat in dem spontanen Waffenstillstand, wie er sich seinerzeit an verschiedenen Stellen der Front ereignete, den Stoff für ein paneuropäisches Anti-Kriegs-Epos entdeckt. Paritätisch führt er drei Hauptfiguren in den Film ein. Der deutsche Operntenor Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) wurde durch die Einberufung von seiner Geliebten Anna Sörensen (Diane Krüger) getrennt, der es jedoch gelingt, für eine weihnachtliche Kulturveranstaltung ein Rendezvous an der Front zu arrangieren. Dem französischen Leutnant Audebert (Guillaume Canet) fehlt seit Kriegsbeginn jegliche Nachricht von Frau und Kind aus den von Deutschen besetzten Gebieten. Der schottische Militärpfarrer Palmer (Gary Lewis) setzt sich als Sanitäter und Seelsorger gegen die Obrigkeit für den Erhalt der Menschenwürde im Schützengraben ein.
So verständlich diese internationalistische Verteilung ist, führt sie jedoch dazu, dass keine der Hintergrundgeschichten Tiefe entwickeln kann. Dies gilt besonders für die etwas angestrengte Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Tenor und seiner schwedischen Sopranistin, die das abgehalfterte Klischee von "In Love and War" brav durchbuchstabiert. Dass ausgerechnet mit Diane Krüger, deren schauspielerische Fähigkeiten nachweislich eher im Statuarischen liegen, ein wenig femininer Glamour in die uniformierte Männergesellschaft gebracht werden soll, ist eine seltsame Entscheidung. Äußerst grenzwertig ist auch der Auftritt von Benno Fürmann als pazifistischer Heldentenor. Zumindest deutsche Zuschauer, die mit Stimme und Habitus Fürmanns vertraut sind, geraten hier ins Grübeln. Vielleicht hätte sich Carion auf die weitaus interessantere Geschichte des französischen Leutnants konzentrieren sollen, die sehr viel mehr über die Loyalitätskonflikte des Krieges erzählt. Aber Merry Christmas schreckt vor dem großen Drama zurück und konzentriert sich ganz auf seine pazifistische Weihnachtsbotschaft.
Das eigentliche Drama begann natürlich nach der Versöhnung. Denn die Soldaten mussten schließlich vier weitere Jahre aufeinander schießen und wurden rigiden Disziplinarmaßnahmen unterworfen. Der Konflikt um die Nachwirkungen der pazifistischen Grunderfahrung wird in Merry Christmas jedoch nur angerissen, um die besinnliche Weihnachtsstimmung nicht zu gefährden.

Martin Schwickert
F/D/GB/BEL/RUM 2005 R&B: Christian Carion K: Walther Vanden Ende D: Benno Fürmann, Diane Krüger, Guillaume Canet