»MIFUNE«

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Ländlicher Irrsinn im DOGMA-Korsett

Nach dem Familiendrama Das Fest von Thomas Vinterberg und Lars von Triers Irrenexperiment Idioten zeigt nun Regisseur Sören Kragh-Jacobsen mit Mifune , daß das ästhetischen Regelwerk des dänischen DOGMA-Kollektivs auch zur Komödie taugt.
Wie in Vinterbergs ersten DOGMA-Film kehrt auch hier ein erfolgreicher Mittdreißiger aus der Großstadt an den Ort seiner Kindheit zurück. Kresten (Anders W. Bertelsen) hat fernab von seiner ländlichen Vergangenheit in Kopenhagen Karriere gemacht und soeben die Tochter des Chefs geheiratet. Nach erfolgreich bestandener Hochzeitsnacht (eine der kuriosesten Bettszenen der Filmgeschichte) ereilt Kresten die Nachricht vom Tod seines Vaters. Der Großstadt-Yuppie reist allein zum elterlichen Bauernhof nach Lolland. Auf dem Wohnzimmertisch ist die Leiche des Vaters behelfsmäßig aufgebahrt. Unter der Tischdecke lugt der geistig behinderte Bruder hervor und erzählt aufgeregt von UFOs und anderen Unverständlichkeiten. Der zurückgebliebene Rud (Jesper Asholt) zieht Kresten schnell wieder hinein in die Welt geschwisterlicher Vertrautheit. Manchmal ist Rud nur mit einer Fußmassage oder einer improvisierten Samurai-Vorführung zu beruhigen. Nach der Beerdigung gilt es, auf dem verwahrlosten Hof aufzuräumen. Das Haus ist voller Unrat und auf der Wiese steht meterhoch das Unkraut. Kresten zögert seine Rückkehr nach Kopenhagen immer weiter hinaus und verläuft sich zusehends im ländlichen Urwald der Vergangenheit. Zur hauswirtschaftlichen Unterstützung heuern die eigenwilligen Gebrüder weibliche Verstärkung an. Liva - hauptberuflich in Kopenhagen als Edel-Call-Girl tätig - versucht, mit dem Job auf dem Land einem aufdringlichen Freier zu entkommen. Während Rud in Liva (Iben Hjejle) eine außerirdische Sendbotin zu erkennen glaubt, beginnt sich Kresten in den burschikosen Charme der ungewöhnlichen Haushälterin zu verlieben. Zu dem wahlverwandtschaftlichen Familienglück gesellt sich später Livas Bruder Bjarke - ein verzogener Internats-Schüler aus der Stadt.
Mifune hat weder die dramatische Wucht vom Fest , noch die gesellschaftskritische Pose der Idioten . Dabei mangelt es durchaus nicht an ernsten Themen: zerstörte Familienstrukturen, Beziehungskrisen, Vergangenheitsbewältigung und Inzestwünsche. Mifune mischt aus den schwerverdaulichen Zutaten eine Komödie, die recht unbeschwert durch die langen dänischen Sommertage schlendert. Die spartanischen DOGMA-Regeln dienen hier hauptsächlich dazu, den Regisseur von filmtechnischem Ballast zu befreien und die Konzentration auf die Schauspieler zu fördern. Die Handkamera, die das "Keuchheitsgelübde" zwingend vorschreibt, ist in diesem Film nicht nervöser Zeuge, sondern entspannter Beobachter des Geschehens. Als Komödie überzeugt Mifune weniger durch ausgeklügelte Plotwendungen als durch Details: ein Straußenvogel in nordischen Gefilden gehört hier genauso zum Inventar wie ein Raumschifflandeplatz im goldgelben Kornfeld oder ein Rollkommando von rachsüchtigen Call-Girls in lauer Sommernacht.

Martin Schwickert