»THE ODD ONE DIES«

Jung und schuldig

Ein Hongkong-Debutfilm: Liebe und Verbrechen im Clinch

Schwarze Haare bis über die Augen, weiße Socken, selbstgewaschen, und beim Rauchen bloß nicht die Zigarette anfassen: so sieht der junge Belmondo als noch jüngerer Chinese aus. Bzw. Kaneshiro Takeshi (24) in seinem 13. Film, den Fernseh-Regisseur Patrick Yau in seinem Leinwand-Debüt als sentimentale Groteske anlegt, als Crossover aus Märchen und Mafia, Killer-Ballade und Kino-Baustein-Spiel.
Der Held spricht lange Zeit kein Wort, und wenn, dann nur Kantonesisch mit chinesischen und englischen Untertiteln. Der kleine Gauner träumt vom Glück, von seinem ersten Handy, von einem lukrativen Auftrags-Mord ... und wird auf dem Weg dahin gleich mehrfach so blutig geschlagen, daß einen die beschwingten Kaffeehaus-Rumbas auf der Tonspur glatt von den Füßen reißen. Immer wenn es wie Gangster-Kino aussieht, geht es anders weiter; notfalls auch mal mit unlogischen Schnitten und eingebildeten Voraus-Blenden.
Als der Held endlich seinen Auftrag hat, hat er plötzlich auch Glück am Spieltisch und heuert vom Gewinn eine Subunternehmerin an (Carman Lee Yeuk Tung, 24, die für ihren 10. Film extra Rauchen lernte, von Bauarbeitern). Die kann allerdings gar nicht mit Waffen umgehen und hat eine häßliche Vorgeschichte, die zusammen mit der notorischen Romanze etwas unter den Untertiteln leidet ("can you touch my tits" wo es zauberhaft schüchtern sein soll).
Das sind die schönsten Passagen: zwei verlorene Jungchinesen irren durch die bonbonbunte Hongkong-Nacht, ebenso ungestüm wie verletzlich, ebenso ziellos wie stur. Ein hartherziger Hoteldirektor erliegt ihrem Charme und überläßt ihnen eine Luxus-Suite (eigentlich für Einheimische gesperrt), ein versoffener Hehler wird minutenlang körperverletzt, weil er dem Mädchen wohl mal was getan hat ...
Und immer wieder nimmt die Regie einen bekanntes Motiv und verdreht ihm den Arm, manchmal sogar mehrfach in verschiedene Richtungen. Die Gewalt-Patt etwa, das eigentlich zwei aufeinander gerichtete Pistolen vorsieht: hier ist es einmal eine Fahrstuhltür, die der eine von innen schließen, der andere von außen offenhalten will ... und dreimal ein Messer, das der Angegriffene mit bloßer Hand an der Klinge abfängt, sodaß jede weitere Bewegung blutig enden muß. Bei Patrick Yau lösen sich diese Momente immer komisch auf (die Gorillas müssen die abgeschnittenen Finger einsammeln und auf Eis legen), und jedenfalls einmal sogar in einen kleinen Frieden ...
Moralisch ist das alles natürlich schwer desorientiert: der Weg ins glückliche Ende ist mit Leichen gepflastert, die Heldentat besteht nur darin, den Job auch ohne Lohn zu machen ... und der Film besteht darauf, aus der aussichtslosen Umstellung nach der Tat gleich ins Entkommen zu springen, weg von Hongkong und auf den Weg zu einer goldenen Zukunft als Sushi-Verkäufer in Japan. Während das Mädchen einer Postkarte aus ihrer Vergangenheit nachfliegt. Ob The Odd One Dies das irgendwie politisch gemeint hat?

WING