DIE REISE DER PINGUINE

Walking
Ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm über Brutpflege im Frost

In der Antarktis, einem der unbewohnbarsten Plätze auf dieser Erde, bietet sich Anfang April jeden Jahres (dem dortigen Herbst) ein einzigartiges Schauspiel, dem bislang nur wenige Forscher beiwohnen durften. Tausende von Kaiserpinguinen marschieren landeinwärts, um dort, fernab von einem Zugang zum Wasser und somit jeglicher Nahrung, ihr jährliches Balzritual zu zelebrieren. Nachdem die Weibchen ihre Eier bei minus 40 Grad gelegt haben, überlassen sie den Männchen das Brüten und machen sich auf den kilometerweiten Weg zum Wasser zurück, um sich dort ein Fettpolster zuzulegen und nach etwa 30 Tagen wieder zu ihrem inzwischen halbverhungerten Partner und dem hoffentlich noch nicht verhungerten Jungtier zurückzukehren, woraufhin nun das Männchen den langen und beschwerlichen Weg zum Wasser zurücklegt. Dies wiederholt sich so lange, bis der lange Winter endet und die jungen Pinguine in der Lage sind, selbst zu schwimmen und zu jagen.
Der französische Dokumentarfilm Die Reise der Pinguine zeigt uns dieses faszinierende Ritual in einzigartigen, unter schwersten Bedingungen aufgenommenen Bildern; wie nur sehr wenige Naturdokumentationen vor ihm, schafft es der Film, uns emotional in den Lebenszyklus seiner fracktragenden Protagonisten einzubeziehen. Der lange Marsch über das Eis, die Partnersuche und die Selbstaufopferung, mit der diese Tiere erst die Eier und dann die Jungtiere bei Minustemperaturen warm halten (ein paar kalte Sekunden bedeuten hier den sicheren Tod), werden hier so in Szene gesetzt, dass man sich weniger vorkommt wie bei einer halben Stunde Discovery-Channel und mehr wie bei einem Film über tausende von heroischen Elternpaaren, deren Liebe zu ihren (ungeborenen) Kindern alles überwindet, was Mutter Natur an Eis, Schnee und weiteren Gefahren zu bieten hat.
Regisseur Luc Jacquet erreicht dies teilweise durch einen kleinen Trick: statt der allwissenden Erzählstimme, die das Geschehen aus dem Off kommentiert, hat er drei Pinguinen (Vater, Mutter, Sohn) eigene Stimmen gegeben. Dass dieses Gimmick, das gelegentlich auch peinlich wirkt (Begriffe wie "Oase der Liebe" würde selbst ein Pinguin nicht in den Schnabel nehmen), allein aber nicht der Grund für die erstaunliche emotionale Wirkung des Films sein kann, beweist allein sein Erfolg in den USA, wo man ihn traditionell mit Morgan Freeman als Alleinerzähler vertont hat.
Was Die Reise der Pinguine zu einen Erlebnis macht, ist die emotionale Universalität dieses raren Naturschauspiels, das zwar genauso genommen nichts anderes darstellt als ein Musterbeispiel für verhaltensprägenden Darwinismus über tausende von Generationen hinweg, uns aber immer wieder dazu verleitet, diesen erstaunlich anpassungsfähigen Tieren selbstlose Liebe, unglaublichen Mut und eine Seele zuzuschreiben.
Dies mag auch der Grund dafür sein, dass religiöse Gruppen in Amerika inzwischen dazu übergegangen sind, diesen wissenschaftlich akkuraten Film als Propagandawerkzeug gegen Darwinismus zu gebrauchen, was aber niemanden davon abhalten sollte, diesen einmaligen Film anzusehen.

Karsten Kastelan
La Marche de l'empereur. Frankreich 2005. R: Luc Jacquet. B: Luc Jacquet, Jordan Roberts. K: Laruent Chalet, Jérôme Maison.