SAINT RALPH

Rennen für Mutti
Ein kanadischer Sportfilm mit mäßigem Witz

Ralph (Adam Butcher) ist ein wenig zu exzentrisch für seine Zeit. Auf der katholischen Schule in einer kanadischen Kleinstadt Mitte der 50er fällt der vierzehnjährige Halbwaise durch stete Regelverstöße auf. Rauchen auf dem Schulhof und ein Orgasmus im Schwimmbecken stehen in seinem umfangreichen Sündenregister.
Dabei ist Ralph kein Rebell, nur ein Teenager, der tut, was er tun muss und für alles eine schlüssige Erklärung hat, die niemand hören will. Der Vater ist im Krieg umgekommen, die Mutter liegt mit Krebs im Krankenhaus. Als sie ins Koma fällt, sagen die Ärzte, nur ein Wunder könnte sie retten.
Wunder? Davon hat Ralph schon einiges gehört. Vater Hibbert (Campbell Scott) berichtet von den Stigmata des Franz von Assisi und dass man, um ein Wunder zu erwirken, nur den festen Glauben, eine reine Seele und die entsprechende Gebetspraxis haben muss.
Vernünftigerweise hat Regisseur und Drehbuchautor Michael McGowan eingesehen, dass ein Teenager, der durch stetes Gebet die Wiederauferstehung seiner komatisierten Mutter herbeiführen will, kein besonders cinegenes Objekt darstellt.
Und so muss sich Ralph an einem eher weltlichen Ziel orientieren. In das Geländelauf-Team der Schule strafversetzt, beginnt er, von seinem Erfolg als Marathonläufer zu träumen. Wenn er - so die etwas angestrengte Skriptlogik - den Lauf gewinnt, wird Mutti als begleitendes Zweitwunder im Hospital wieder die Augen aufschlagen.
Mit dieser Vorgabe nimmt die vorhersehbare Sportfilmdramaturgie ihren unabwendbaren Lauf. Hartes Training, Rückschläge, Mutmachen und schließlich das alles entscheidende Finale mit Zeitlupenaufnahme und einer verkitschten Cover-Version von Leonard Cohens "Halleluja" aus dem Off. Dazwischen ein paar Exkurse in die skurrile Welt des katholischen Schulwesens und in die emotionalen Verwirrungszustände pubertierender Teenager.
McGowans Blick auf die schrullige Moral der 50er-Jahre ist mit dem sanften Retro-Schleier der Verklärung überzogen. Für die Überzeichnung ins Skurrile fehlte es an Mut, und im Gegensatz zu dem seelenverwandten Billy Elliot findet die kanadischen Produktion keine soziale Verankerung in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext.
Das größte Handicap des Filmes hat jedoch der junge Hauptdarsteller Adam Walker, der die Rolle mit überzogener Souveränität spielt, immer etwas zu altklug daherredet und in den tragischeren Momenten von der Regie allein gelassen wird.

Martin Schwickert
Kanada 2004 R&B: Michael McGowan K: René Ohashi D: Adam Butcher, Campbell Scott, Gordon Pinsent