SCHWARZE SCHAFE

Punk mit Soße

Ein ungezogener Berlin-Film in fünf Episoden

Vorne rattert schnelle Rockmusik und ein Bilder-Stakkato hetzt durch die nächtliche Hauptstadt der Republik - hinten geht die Sonne auf überm Müggelsee und drei nackte Türken gehen baden. Dazwischen gibt's Torte und Teufelsanbeter, Sex und Sabber, Magen- und Darminhalt und wo der eine die Axt schwingt hat der andere den Kräutertee im Anschlag.
Der schweizer Regisseur Oliver Rihs wollte mit seinem komplett selbstfinanzierten Episoden-Film sowas wie Punk mit Soße machen, einerseits ein bisschen dreckig, geschmacklos und bürgererschreckend, andererseits deutlich gemütlich, kumpelhaft und berlin-typisch. Fünf Episoden winden sich, nur sehr locker verbunden, durch zwei Nächte und den Tag dazwischen und ergeben keinen Film. Natürlich auch keine Großstadt-Sinfonie, kein Berlin-Bild. Aber doch recht nette Art Gossen-Romantik mit Gore-Humor.
Da erschwindelt sich ein arbeitsloses Handmodell eine Nacht mit der neuen Vogue-Redakteuse im Edelhotel und lässt sich später vom Freund die Hand abhacken, um einen Versicherungsfall daraus zu machen.
Da lügt eine Touristenboot-Führerin ihren Schickeria-Bekannten ein gelungenes Leben vor, bis ihr Freund an Bord kommt, besoffen, und alles vollkotzt.
Da wollen zwei Laien-Satanisten ein ganz böses Ritual abhalten, zu dem sie nur noch eine nackte Frau brauchen, und am Ende nehmen sie die komatöse Oma des einen. Von hinten. Hui, wie geschmacklos. Und wie komisch, dass die Dame danach wieder voller Leben ist. Erzählen sich Schweizer solche Witze über Berlin? Immerhin sind alle fünf Autoren ebenso Schweizer wie der Regisseur. Dafür sind die Schauspieler fast alle Berliner von Frank Castdorfs Volksbühne.
Oliver Rihs hat sich entschieden, seine fünf Episoden möglichst billig mit einer kleinen Digital-Kamera aufnehmen zu lassen. Und in Schwarz-Weiss, um dem Zuschauer einen gewissen Puffer zu lassen, schliesslich sähen die meisten Körpersäfte in Farbe wohl zu unappetitlich aus.
Umgekehrt verleihen immer wieder kitschigste Farbeffekte dem scheinbar dokumentarischen Schwarzweiss einen Märchenton: Das ist alles gar nicht wahr hier, dass träum' ich ja wohl.
Haben wir jetzt fünf Geschichten beisammen? Man verliert etwas den Überblick, weil Oliver Rihs wenig nachvollziehbar zwischen den Episoden hin und her springt, die eigentlich alles das gleiche sagen: Alle Berliner wollen im Grunde nur ihr Ruhe haben. Sollen sie doch wegziehen. Etwa in die Schweiz.

WING

Schweiz/BRD 2006, R: Oliver Rihs, B: Thomas Hess, David Keller, Oliver Rihs, Olivier Kolb, Michael Sauter, Daniel Young K: Olivier Kolb D: Milan Peschel, Marc Hosemann, Robert Stadlober, Tom Schilling, Jule Böwe