SECRETARY

Beat me, Baby!

Eine ziemlich umwerfende US-Komödie über Sadismus und Lust

Dieser Film kann eigentlich gar nicht funktionieren. Er handelt von der Lust am Schmerz, von Sadismus und Unterwerfung, und will dabei eine Komödie sein. Als ob das nicht schlimm genug wäre, will der Film auch noch klug sein. Er präsentiert uns die Freude am Fetischismus nicht als lustigen Zeitvertreib in einer langweiligen Welt, er will uns erklären, woher die Lust am Schmerz kommen mag.
Secretary ist eine ganz wundervolle traurige Komödie, in der das alles funktioniert. Sie handelt von Lee, einer jungen Neurotikerin, die in Momenten größter seelischer Not sich selbst traktiert: mit Messern, heißem Wasser, unschönen Gegenständen. Frisch aus der Klinik entlassen, sucht sich Lee einen Job als Sekretärin bei einem Anwalt, Mr. Grey. Der ist selbst ein Neurotiker mit offensichtlich sadistischen Neigungen. Fast von selbst ergibt es sich eines Tages, dass er Lee für ihre vielen Tippfehler den Hintern versohlt, zum überraschend beiderseitigen Vergnügen. Lee entdeckt die Freuden des kontrollierten, erotischen Schmerzes. Und zu ihrem eigenen Entsetzen verliert sie das Interesse an der Selbst-Tortur. Als sie sich eines Tages selbst den Hintern versohlt, stellt sie fest, dass das überhaupt keinen Spaß macht. Mr. Grey, von James Spader sehr leise, zurückhaltend und vollkommen unbedrohlich gespielt, schämt sich sehr für seine Neigungen und entläßt Lee schließlich, die sich damit aber nicht abfinden will.
Steven Shainbergs Film hält die Balance zwischen Groteske und Drama, die erotischen Szenen sind sehr witzig angelegt, weil er sie geradezu unverschämt langsam entwickelt. Da ist keine Hektik, kein schamhaftes "Das überspringen wir aber jetzt mal" - alles wird ausgespielt, hat seine Zeit, und wenn Lee nach dem ersten Spanking-Erlebnis in einer langen Einstellung sehr langsam und mit offensichtlich leicht wackligen Knien durch den Büroflur zu ihrem Zimmer zurückgeht, dann ist das sehr komisch, obwohl eigentlich gar nichts passiert.
Komik und Charme hat Secretary vor allem seiner faszinierenden Hauptdarstellerin Maggie Gyllenhaal zu danken, die hier alles gibt. In ihren großen, erstaunten Augen spielt sich der Film ab, ihre mal schüchterne, mal lüsterne Körpersprache schafft genau jene Verwirrung, die den Film in der Schwebe hält. Lee wird nicht "gerettet" und nicht "geheilt", Lee findet jene große Liebe, mit der sich auch Neurosen überleben lassen.
Es gibt neben Mr. Grey einen anderen Neurotiker in Secretary , Peter, einen ehemaligen Highschool-Freund von Lee, der sie gerne heiraten würde. Aber zwei Neurosen ergeben noch kein Glück, Peter ist verklemmt, in sich gekehrt und einfach nur geil.
Einmal hat Lee Sex mit ihm, und wir sehen das große Erstaunen in ihren Augen, wie unbefriedigend sowas sein kann. Viel später sehen wir sie in einer Badewanne sitzen und Mr. Grey wäscht ihr zärtlich die Haare - und sie vergeht dabei fast vor Lust.
Es muß halt doch der richtige Kerl sein. Und wenn seine Neurose sich so wunderbar zur eigenen fügt - perfekt!

Thomas Friedrich

USA 2002. R: Steven Shainberg. B: Erin Cressida Wilson. K: Steven Fierberg. D: James Spader, Maggie Gyllenhaal, Jeremy Davis, Leslie Ann Warren