SEHNSÜCHTIG


Romantischer Stalker

Eine Schnitzeljagd der Gefühle

Josh Hartnett (Pearl Harbor) hat ein hübsches Gesicht, aber wer versucht, darin zu lesen, verliert sich im Nichts. In Paul McGuigans Sehnsüchtig wirkt er sehr angestrengt, denn seine Rolle verlangt es, dass er solch komplexe Gefühlslagen wie Sehnsucht, Verlangen, Erregung und Enttäuschung ohne Zuhilfenahme von Textbausteinen zum Ausdruck bringt.
Manche Menschen geraten bei Überforderung in Panik, andere flüchten sich ins Phlegma. Hartnett gehört zu den letzteren. Wie unter Tranquilizer gesetzt läuft er durch den Film. Hartnett spielt einen romantischen Stalker. Unsterblich verliebt Matthew sich in die Ballett-Tänzerin Lisa (Diane Kruger), als er sie zuerst auf dem Videobildschirm und später durch das Schaufenster hindurch sieht. Er folgt ihr tagelang durch die Straßen Chicagos und kann schließlich ihr Herz erobern. Große Liebe. Aber dann, kurz nachdem er sie gefragt hat, ob sie mit ihm zusammenziehen will, verschwindet die Schöne zu einer Tournee nach Europa.
Zwei Jahre später läuft Matthews Leben in geordneten Bahnen. Anzugjob. Wohlhabende Verlobte. Geschäftsreisen nach China. Dann glaubt er, Lisas Stimme in einer Telefonzelle zu hören, und die Stalker-Instinkte sind wieder geweckt. Die Frau ist zwar in der Menge verschwunden, hat aber freundlicherweise ihren Hotelschlüssel hinterlassen. Matthew folgt der Spur und der Dame, riecht ihr Parfüm, wälzt sich in ihrem Bett, bricht heimlich in ihre Wohnung ein und trifft dort schließlich auf eine ganz andere Frau, die sich auch Lisa nennt und ihn mit zu sich ins Bett nimmt. War alles nur Illusion? Das Publikum weiß es inzwischen besser, denn Schicht um Schicht wird eine Verwicklungstragödie freigelegt, die das vermeintliche Schicksal als perfide Liebesstrategie entlarvt.
Paul McGuigan entwirft eine etwas ermüdende Schnitzeljagd der Gefühle, zappt zwischen den verschiedenen Erzählebenen hin und her und kann damit nur notdürftig die mangelnde Schlüssigkeit der Story überdecken. Wenn am Schluss der überdehnten 115 Kinominuten endlich alle Puzzleteile auf dem Tisch liegen und hektisch zusammengefügt werden, hat man das Interesse an der Auflösung längst verloren.

Martin Schwickert
Wicker Park USA 2004 R: Paul McGuigan B: Brandon Boyce, Gilles Mimouni K: Peter SovaD: Josh Hartnett, Rose Byrne, Matthew Lillard Diane Kruger