»SHE'S THE ONE«

Ebbe & FLut

Ein Autoren-Filmer in der Tradition von Woody Allen

Männer haben ihre Rituale und die Fitzpatricks haben ihr Boot. Allsonntäglich lädt Vater Fitzpatrick (John Mahoney) seine beiden Söhne Mickey und Francis zu einer bierseligen Angelpartie ein. Und während die drei so vor den Ufern von Long Island dahindümpeln, rumpeln die gegensätzlichen Lebensentwürfe der Brüder regelmäßig aufeinander. Mickey (Edward Burnes) jobbt als "einziger weißer englischsprachiger Taxifahrer New Yorks" herum, während Francis (hervorragend: Mike McGlone) an der Wall Street Erfolge feiert. Zu Hause allerdings kommt der Karrierehengst schon lange nicht mehr den ehelichen Verpflichtungen nach. Seine Frau Renee (Jennifer Aniston) droht ultimativ mit dem Einsatz eines Vibrators, und Francis erzählt etwas von zyklischen Tiefständen, von einer schwierigen Phase, die er gerade durchmacht, von den natürlichen Gesetzen von Ebbe und Flut, die ja bekanntlich auch in der Liebe gelten, und gesteht sich nicht ein, daß seine Ehe auf den Hund gekommen ist. Während Eltern, Schwiergereltern und Geschwister besorgt Francis' Potenzprobleme hin- und herdiskutieren, betrügt dieser seine Frau mit der schönen Heather (Cameron Diaz), die wiederum pikanterweise die Ex-Geliebte des Bruders ist.
Das müßte Mickey eigentlich nicht weiter stören, denn er hat sich gerade bis über beide Ohren in eine Frau mit dem programmatischen Namen Hope (Maxine Bahns) verliebt und sie vom Fleck weg geheiratet. Argwöhnisch betrachten Vater und Bruder das romantische Glück, das das eigene abgeklärte Liebesleben in Frage stellt. Nun, aber die Sache damals mit Heather hat Mickey doch noch nicht ganz verkraftet, und als er herausbekommt, daß sein leiblicher Bruder mit seiner Ex-Freundin ins Bett geht, findet er das gar nicht lustig.
Eine Beziehungskomödie also, und natürlich können die Amerikaner es mal wieder besser als die deutschen Kollegen. Wieso amüsiert man sich in Edward Burnes She's the One so königlich, während man sich in deutschen Komödien unter ähnlichen Plotverhältnissen zu Tode langweilt? Da sind zum einen die wunderbar schlagfertigen Dialoge, die die Absurditäten des Beziehungsalltags genüßlich zuspitzen. Die gekränkten Eitelkeiten, die schulterklopfenden Lebensratschläge, das hahnenkämpferische Konkurrenzgehabe der Männerspezies werden treffsicher karikiert, ohne die Figuren an billige Klischees zu verraten. Vielleicht ist es die Balance, die Kunst, sich über die Dinge lustig zu machen und sie darin trotzdem ernst zu nehmen, die man in deutschen Beziehungskomödien so schmerzlich vermißt. Vielleicht ist es aber auch einfach nur die Liebe des Drehbuchautors zu seinen Figuren, die hierzulande meistens fehlt.
Deutlich merkt man, daß Edward Burnes zu der Generation von amerikanischen Filmemachern gehört, die mit den Filmen Woody Allens aufgewachsen sind, und wie die Altmeister, so tritt auch Burnes zugleich als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller auf. Mit seinem Erstlingsfilm "Kleine Sünden unter Brüdern" gewann er 1995 den ersten Preis des Sundance-Festivals. Mehr als das Hundertfache seiner Produktionskosten spielte die charmante Low-Budget-Komödie ein, und Burnes wurde zum Shooting-Star der Independent-Szene. Für She's the One standen nun immerhin 3 Millionen Dollar zur Verfügung, und das Hollywood-Talentschuppen-Label "Fox Searchlight" (Tochtergesellschaft der 20th Century Fox) bringt den Film heraus.
Edward Burnes hat das, was wenige haben: eine eigene Handschrift. Die nächsten Filme werden zeigen, ob er sich als Autorenfilmer dem Anpassungsdruck der Hollywoodmaschinerie widersetzen kann oder ob She's the One nur ein Zwischenstück zu einer Mainstreamkarriere darstellt.

Martin Schwickert