The Unknown Known

Heißluftgebläse

Errol Morris befragt den Alt-Politiker Donald Rumsfeld

Zwei Männer mit Geschichte: Errol Morris, einer der profiliertesten Dokumentaristen, der seit den 80er Jahren verschiedenste Aspekte des Lebens in den USA porträtierte, und Donald Rumsfeld, ein Karrierepolitiker ohne Skrupel, der jüngste Verteidigungsminister der USA (unter Gerald Ford) und der Mann, der die USA in den Irak-Krieg nach 9/11 schickte. In Standard Procedure Operation hatte sich Morris bereits mit diesem Krieg und dessen Auswüchsen befasst, in The Fog of War hatte er den Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara vor die Kamera geholt, auch so ein politisches Wunderkind.

Aber während McNamara vor der Kamera seine Fehler im Vietnam-Krieg ausbreitete ("We were wrong, terrible wrong!"), grinst Rumsfeld quietschvergnügt wie ein feistes rosa Schweinchen in die Kamera und findet sich und alles was er gemacht hat, großartig.

Und weil Morris weiß, dass eine Dokumentation selten gelingt, wenn man mit dem Objekt seines Interesses streitet, lässt er Rumsfeld einfach reden.

Und der kann reden. Der Meister der Memos (es gibt Zehntausende Rumsfeld-Memos im Archiv des Pentagon, von denen Morris Rumsfeld einige vorlesen lässt) gibt Einblick in einen Geist, der keinen Widerspruch kennt. Der Irak-Krieg? Ein Erfolg! Seine Kriegsführung? Brillant! Seine diversen Schachzüge, um politische Konkurrenten auszubooten? Allemal gerechtfertigt und alle halb so schlimm.

Man ist als Zuschauer, ebenso wie Morris, dessen Stimme wir nur aus dem Off hören, zunehmend fasziniert von der wasserdichten Selbstzufriedenheit dieses Karrierepolitikers, der jeden Widerspruch in rhetorischen Figuren auflöst.

Morris flicht immer wieder Filmbeispiele aus Rumsfelds aktiver Zeit ein, die dessen Chuzpe unterstreichen. Als er etwa vor Soldaten spricht und auf den Vorwurf eingeht, die Armee sei für den Irak-Krieg schlecht und falsch ausgerüstet gewesen: "Man zieht in den Krieg mit der Armee, die man hat, nicht mit der, die man sich wünscht!", sagte Rumsfeld. So etwas im Angesicht der Betroffenen zu sagen, ist entweder sehr mutig oder sehr ignorant.

Der Filmtitel bezieht sich auf eines von Rumsfeld Wortspielen: "Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen, und es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Dann gibt es Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen..." Der Mann ist ein einziges Heißluftgebläse. Morris hat in Interviews betont, dass er Rumsfeld nicht mag. Rumsfeld muss das vor der Kamera gespürt haben. Aber mit Ablehnung ist er sein ganzes Leben lang fertig geworden.

Lange nach dem Ende der Dreharbeiten zu The Unknon Known ist der Irak jetzt endgültig auseinandergebrochen. Damals hart umkämpfte Städte wie Mossul oder Falludschah sind jetzt in der Hand von islamistischen Gangs. Man hätte gern gesehen, wie Rumsfeld jetzt zu dem Erfolg seines Krieges steht. Andererseits hat man nicht den Eindruck, dass irgendein Fakt diese Mauer der Selbstgerechtigkeit penetrieren könnte.

Thomas Friedrich

USA 2013 R & B: Errol Morris K: Robert Chappell D: Donald Rumsfeld, Errol Morris 103 Min.