VERGISS MEIN NICHT

Ein Abschied

David Sieveking besucht seine an Alzheimer erkrankte Mutter

Mit seinem ersten Film David wants to Fly verabschiedete sich David Sieveking als sein eigener Hauptdarsteller von den Heilsversprechen der Transzendentalen Meditation, an die er angeblich einmal glaubte. Die persönliche Note war damals vermutlich nur eine Fiktion, um das spröde Thema eingängig zu machen. In seinem zweiten Film widmet er sich nun ausdrücklich und eindringlich seinem wirklichen Leben, genauer dem seiner Mutter, die im hohen Alter an Alzheimer erkrankte aber schon früher mal vergaß, ihm ein Weihnachtsgeschenk zu geben.

Der erwachsene David kommt nach Hause, um seinem Vater bei der Pflege der Mutter zu helfen. Bald vertritt er ihn ganz, als der erschöpfte 70jährige zu einem Urlaub abreist. Daniel versucht liebevoll, seine Mutter zu aktivieren, und lernt erstaunt immer mehr über ihre Vergangenheit, je mehr sie ihr entgleitet. Die Sievekings waren in den 70ern politisch aktiv, seine Mutter unterlag in der Schweiz der Beobachtung durch den Staatsschutz, und schließlich findet David sogar ihren damaligen Liebhaber wieder, der anrührend von der jungen Gretel spricht. Der Vater erzählt von seinen Affären, und vorsichtig fügen sich die Splitter der Vergangenheit zu einem nicht immer geglückten Leben, das im aktuellen Ernstfall aber nicht zur Schuld-Hölle wird, sondern Mutter, Vater und Sohn und jedenfalls eine Tochter samt Enkeln zu einem neuen, unschuldig herzlichen Umgang miteinander führt.

David Sieveking tut gar nicht erst so, als habe er Wesentliches über Alzheimer und Demenz zu sagen, oder dokumentiere objektiv, was ein Mensch ohne Vergangenheit in der ganzen Verwandtschaft bewirkt. Die Lücken in seiner Beobachtung sind offensichtlich, aber auch die zärtlichen Momente, in denen eine Familie wieder zusammen findet. Und vor allem die wachsende Sensibilität des Filmemachers, der sich an Anfang in erprobter Manier als sein eigener Hauptdarsteller einführt und dann zunehmend die Anwesenheit seines Film-Teams vergisst. Bis einmal Gretel Sieveking, desorientiert aber freundlich gegen Jedermann, dem Ton-Ingenieur ein Butterbrot in die Hand drückt. Das drin zu lassen, zerstört zwar die Fiktion der unmittelbar teilnehmenden Beobachtung, übergibt aber Gretel eindeutig die Hauptrolle.

Wing

D 2012. R + B: David Sieveking K: Adrian Stähli D: Gretel Sieveking, Malte Sieveking, Daniel Sieveking