»WHITE LIES««

Pharisäer

Monochrome Soap-Suppen bringens nicht mehr

Wir wissen nicht, ob man in Harlem den Cafe coretto mit einem Sahnehäubchen tarnt - oder ob sich unter diesem Komödien-Hütchen hier doch eine unehrliche Haut verbirgt. Ist die dick aufgetragene Harmlosigkeit Chance oder Schande der oberen Gesellschaftsatire? Dürfen sich stark pigmentierte Menschen edel anziehen, um ihrer sozialen Färbung weniger bewußte Milchschnitten durch den Kakao zu ziehen? Und sich selbst aus dem Sumpf? Ist jeder clevere Integrationsversuch Verbrechen? Warum sind beide ineinandermontierten Liebes-Fuß-Paare auf dem deutschen Plakat weiß? Wer weiß, wer sich hier eigentlich was nicht traut?
Leon Turner, jung, schwarz, unterer Mittelstand, Museumswärter von Beruf, traut sich jedenfalls eine Menge. Mit aufgeschnappten Kunstbetrachtungsphrasen bändelt er bei weißen Kunstbetrachterinnen an - und schon liegen die besseren Witze ohne Worte bei Regie und Buch (Ken Seldons Debüt): Mit leichten Outfit-Adaptionen (Kragen hoch, Hemd halb raus) schlüpft er in jeden kulturellen Code, den er zum Weiterkommen zu brauchen glaubt.
Mimi Furst (man muß die Rollennamen sprechen, um den Kalauer-Sub-Sinn zu sehen; Leon nennt sich später "Chame", was wie "Blamage" klingt, aber wessen?), eine junge, knuddelige, Upperclass-Galeristin, macht sich ohne Zögern den Kunst-Neger des Jahres aus ihm. Und wird die erste weiße Schwarzen-Geliebte in der Geschichte der Filmfirma Buena Vista. Nach mancherlei Verwicklungen, in denen äußerst unklare Fronten auf geschickt aufrecht erhaltene Konsense treffen. Netter Rassismus von oben will Afro-Art fördern; das Schlitzohr von unten gibt ausgerechnet die zerquälten Selbstbildnisse einer weißen Junkie-Malerin (Rosanna Arquette sollte mal einen Oscar für ihre Gastrollen kriegen) als eigenen Protest gegen kulturelle Hegemonie aus; das Vernissagenpublikum schnöselt kabarettreif herum; Leons Kumpels geben mit Spaß an Identitätsverleugnung authentische Harlem-Brothers für Touristen ... und jeder Anklage folgt nach einer Schrecksekunde die Entwarnung, die man ausnahmsweise mal "augenzwinkernd" nennen darf.
White Lies (der deutsche Untertitel "Das Leben ist zu kurz, um ehrlich zu sein" ist eine dreckige Lüge) operiert politisch eine Handbreit links oberhalb von etwa Soulman (Weißbrot schwindelt sich per Bräunungspillen auf einen Quoten-Neger-Studienplatz) oder Mr. Cutty (Whoopie G. macht als ihr erfundener WASP-Chef Börsenkarriere) - und interessiert sich einen Scheißdreck dafür, für rechts unterhalb des Black-Apartheid-Kinos etwa John Singletons gehalten zu werden. Und nur als Kunstkritik-Komödie gesehen, überragt Leons bunter Schwindel (am Ende fälscht er gar echtes Graffitti-Artwork zusammen) beispielsweise Kishons Modernismus-Schmähs in allen Disziplinen.
Und es nimmt dieser romantischen Komödie nichts von ihrer sanften Brisanz, daß es sogar im deutschen Fernsehen schon importierte schwarz-weiße Soaps gibt. Erst wenn Charly Huber ein Remake der Feuerzangenbowle macht, oder Sister S. Felix Krull impersoniert, dann dürft ihr gähnen.

WING