ZODIAC

Kaltes Kalkül

Nach »Sieben« inszeniert David Fincher wieder einen Serienkiller. Diesmal einen echten.

Neben Demmes Das Schweigen der Lämmer gehört Finchers Sieben zu den einflussreichsten Filmen seines Genres. Wer hier allerdings auf einen Nachfolger von Sieben hofft, wird enttäuscht sein.
Fincher greift einen der größten Mythen der amerikanischen Kriminalgeschichte auf. Ende der 60er bis Mitte der 70er trieb ein Serienmörder, der sich selbst "Zodiac" nannte, im Großraum San Francisco sein Unwesen. Das Besondere an ihm war, dass er sich mit kryptischen Selbstbezichtigungsschreiben an die Öffentlichkeit wandte und trotz jahrzehntelanger intensiver Polizeifahndung nie gefasst werden konnte. Zu insgesamt 37 Morden hat er sich bekannt. Die Polizei konnte ihm sieben Taten eindeutig zuordnen. Wie viele er wirklich begangen hat, ist bis heute unklar.
"Das Einzige", heißt es irgendwann im letzten Drittel des Films, "was wir von Zodiac wirklich wissen, ist, dass er den San Francisco Chronicle liest". Und tatsächlich versetzte Zodiac mehr durch seine ausgeklügelte PR-Arbeit als durch seine Untaten die Bevölkerung in Angst und Schrecken.
Der Mörder, der sich selbst als Medienstar in Szene setzt: Das war in den 70ern ein neues Phänomen. Mit einem Bekennerbrief an den "San Francisco Chronicle" und der Forderung, ein Chiffrenrätsel auf der Titelseite zu drucken, dessen Entschlüsselung Aufschluss über die Identität des Täters geben sollte, tritt Zodiac 1969 an die Öffentlichkeit.
Fincher beschreibt die Jagd nach dem unbekannten Mörder über einen Zeitraum von 25 Jahren aus der Perspektive von drei Männern. Der gutmütige Zeitungskarikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) verfolgt das Geschehen als redaktioneller Hinterbänkler, bleibt aber auch noch an dem Fall dran, als die Polizei ihre Ermittlungen einstellt und veröffentlicht später zwei Bestsellerbücher über die Suche nach dem mysteriösen Mörder.
Offiziell wird der Kriminalberichterstatter Paul Avery (Robert Downey Jr.) von der Redaktion mit der Recherche beauftragt. Der Starautor des Blattes arbeitet ebenso besessen an der Aufklärung wie der leitende Ermittler David Toschi (Mark Ruffalo). Beide kommen dabei gründlich auf den Hund. Denn auch wenn es konkrete Verdächtige gibt, reichen die Beweise nie für eine Verhaftung aus. Kein Happy End. Kein finaler Sieg der Gerechtigkeit.
Dadurch dass Fincher sich streng an die Fakten hält (anders als Dirty Harry, der damals vage den "Zodiac"-Fall zum Vorbild hatte), werden die dramaturgischen Regeln Hollywoods ausgehebelt. Auf einen traditionellen Spannungsbogen, der das Publikum kunstfertig bei der Stange hält, wird verzichtet. Die Handlung mäandert, gerät ins Stocken, stolpert unverhofft in einen Spannungsmoment hinein - und wieder heraus.
Trotzdem entwickelt die Geschichte ihre eigene unberechenbare Dynamik, was auch den drei famosen Hauptdarstellern, dem exzellenten Soundtrack und schnörkellosen Kameraarbeit von Harris Savides zu verdanken ist.
Zodiac ist kein nervenzerrüttender Thriller. Nach zwei Morden in der ersten halben Stunde sieht man Blut nur noch auf den verschmierten Stoffstücken, die der Mörder als Signatur für die Bekennerschreiben mitliefert.
Fincher wurde oft vorgeworfen, dass er seine Filme nur auf die emotionalen Effekte hin inszeniert. In Zodiac beweist er sich als vollkommen präziser Filmhandwerker, der mit einer ähnlichen Getriebenheit wie seine Figuren an der Rekonstruktion des Falles arbeitet und dabei jenseits von eitlem Meisterfilmgehabe eine eigene, unauffällige Brillanz entwickelt.

Martin Schwickert

USA 2007 R: David Fincher B: James Vanderbilt nach den Büchern von Robert Graysmith K: Harris Savides D: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Robert Downey Jr. 158 Min.