Hany Abu-Assad über »Paradise Now«

MORDEN UND STERBEN

Der Film zum Interview


Über Selbstmöder und das Drehen in Kriegsgebieten


Wie nah ist »Paradise Now« an die politische Realität in Palästina herangebaut?
Mein Konzept war es, einen fiktionalen Film so nah wie möglich an der Wirklichkeit zu erzählen. Dabei habe ich mich von zwei Grundsätzen leiten lassen. Zum einen basiert alles, was man im Film sieht, auf Geschichten, die tatsächlich passiert sind, die ich gesammelt und dramaturgisch in eine Story verpackt habe. Zum anderen war es mir wichtig, direkt vor Ort in Nablus in der Westbank zu drehen, wo es passiert und während es passiert.
Wie schwer war es, für einen Stoff, der die Nachrichten bestimmt, eine dramatische Form zu finden?
Das Drama der Geschichte ist, dass Saïds Vater, um der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, mit dem Feind kollaboriert hat und deshalb erschossen wurde. Sein Sohn wiederum beschließt, um seine Familie zu beschützen, sich als Selbstmordattentäter gemeinsam mit dem Feind in die Luft zu sprengen. Darin liegt ein starkes persönliches und politisches Drama. Außerdem habe ich versucht, hinter das Wesen eines Selbstmordattentäters zu blicken. Die Idee im gleichen Moment sich selbst und andere umzubringen - das kann man eigentlich gar nicht nachvollziehen. Wir wissen viel über Mord, weil der Mörder am Leben bleibt und auf sein Opfer schaut. Aber Morden und Sterben in der gleiche Sekunde - das ist ein Phänomen, das ich mir genauer anschauen wollte.
Welche Haltung haben Sie zur Politik der Selbstmordattentate?
Ich bin gegen das Töten. Egal ob man es militärische Operation oder Terror nennt. Das ist für mich das Gleiche. Jede Art des Tötens ist ein Verbrechen.
Berühren Sie mit dem Verweis auf die Kollaboration des Vaters ein Tabuthema?
Das ist in Palästina kein Tabuthema. Ich habe festgestellt, dass, wenn man mit den Leuten spricht, die Kollaborateure weniger scharf verurteilt werden, als man es erwartet. Die Leute verstehen, dass in Zeiten der Repression Kollaboration ein einfacher Weg ist, um seine ökonomische Situation zu verbessern.
Worauf spielt der Titel an?
Zum einen ist Paradise Now ein ironischer Verweis auf die Peace Now-Bewegung, zum anderen spiegelt er die Haltung der "Märtyrer" wieder. Aber es gibt zum Beispiel auch einen Sexclub, der sich Paradise Now nennt.
Wie schwer war es für Sie in der Westbank zu drehen?
Es ist immer schwer in einem Kriegsgebiet zu filmen. Aber ich wollte den Film unbedingt in den besetzten Gebieten drehen, damit die Realität die Fiktion der Geschichte durchwirken kann.
Gab es irgend eine Form von Zensur? Mussten Sie das Skript absegnen lassen?
Nicht offiziell. Aber bei so einem Projekt muss man mit den Soldaten, den Kämpfern und den Leuten auf der Straße verhandeln und am Schluss hatte, glaube ich, jeder in Nablus das Skript gelesen.

Interview: Martin Schwickert