RIC O'BARRY ÜBER »DIE BUCHT«

Ein langer Kampf


Der Film zum Interview

Ric O'Barry über »Die Bucht« und seine Arbeit als Tierschützer

Inwieweit fühlen Sie sich als ehemaliger Tiertrainer der Serie »Flipper« verantwortlich?

Durch Flipper ist die Multi-Milliarden-Industrie der Delfinarien ja erst entstanden. Davor wurden Delfine nicht in diesem Größenmaßstab gefangen gehalten. In Guatemala, Haiti, Kolumbien oder Brasilien werden sie auch oft gefangen gehalten wurden, um mit Touristen zu schwimmen - und diese Menschen sind von Flipper beeinflusst worden. Ich fühle mich dafür persönlich verantwortlich, aber ich operiere heute nicht mehr aus einem Schuldgefühl heraus. Delfine zu retten - das ist einfach mein Job.

Was ist das Besondere an Delfinen? Wodurch unterscheiden Sie sich von anderen Tieren?

Wir haben bisher noch von keinem anderen Tier aus der Wildnis gehört, das herbeikommt, um einem Menschen das Leben zu retten. Von Delfinen sind einige solche Fälle belegt. Beim Menschen würde man hier von Altruismus sprechen.

Und was ist der größte Mythos, den die Menschen sich von Delfinen gemacht haben?

Dass sie es mögen, in einem Schwimmbecken irgendwelche Tricks für Menschen vorzuführen. Den Mythos haben Firmen wie "Seaworld" erschaffen, die allein in Amerika zwei Milliarden Gewinn mit Delfin-Shows machen. Dort wird so getan, als ob die Delfine sich freiwillig für diesen Job gemeldet hätten.

Stehen Sie aufgrund Ihrer Befreiungsaktionen oft vor Gericht?

Ich habe noch nie einen Prozess verloren. Bei dem nächsten Prozess geht es um eine 400 Millionen Dollar schwere Anklage, weil ich versucht habe, den Transport von Delfinen von Japan in die Dominikanische Republik zu verhindern. Der Kläger ist übrigens ein Deutscher namens Stefan Meister, dem "Ocean World" in der Dominkanischen Republik gehört.

Haben Sie auch manchmal Angst?

Die gerichtlichen Klagen sind unangenehm, aber nicht gefährlich. Angst habe ich nur in Japan und zwar vor der dortigen Mafia. Wenn man in einer kleinen Stadt in Japan ein Problem hat, dann ruft man nicht die Polizei, sondern die Yakuza.

Glauben Sie, die Internationale Walfang-Kommission wird durch diesen Film das Fangverbot auch explizit auf Delfine ausweiten?

Wenn Delfine und Wale gerettet werden, dann nicht durch irgendwelche Regierungsorganisationen. Die schützen im Wesentlichen doch nur die Konzerninteressen. Aber ich glaube fest, dass dieser Film die Macht hat, das Abschlachten der Delfine zu beenden. Denn der gebildete Konsument ist der beste Freund der Delfine. Wenn Leute diesen Film sehen, denken sie zweimal darüber nach, ob sie ein Ticket für eine Delfin-Show in München oder Nürnberg kaufen.

Wird der Film überhaupt in Japan gezeigt werden können?

Ich rechne nicht damit, dass er in Japan regulär in die Kinos kommt. Aber der Produzent des Filmes, Jim Clark, der die Firma Netscape gegründet hat, hat die Macht den Film ins Fernsehen oder ins Internet zu bringen. Wenn die Japaner diesen Film sehen, wird das Treiben in der Bucht bald ein Ende nehmen. Kein Japaner, der diesen Film gesehen hat, wird noch einmal quecksilber verseuchtes Delfinfleisch kaufen.

Ein Kritiker des französischen "Le Monde" hat Ihren Film eine typisch westliche, antijapanische Sicht vorgeworfen...

Der Film ist definitiv nicht antijapanisch ausgerichtet. Ich bin auch gegen den Boykott von Japan, um gegen die Wal- und Delfinjagd zu protestieren. Ein Boykott ist eine pauschale Verurteilung aller Japaner. Aber nur ein Prozent der dortigen Bevölkerung isst Walfleisch. Auch in Taiji, wo 135.000 Menschen leben, sind es gerade einmal 26 Fischer, die an dem Abschlachten der Delfine beteiligt sind.

Sehen Sie Ihr Engagement für die Delfine als Teil eines größeren Anliegens?

Ich selbst konzentriere mich auf Delfine, weil ich mich hierfür direkt verantwortlich fühle. Aber natürlich machen mir viele Dinge Sorgen und ich sehe die Delfine als Referenzpunkt für unsere Beziehung zur Natur.

Im September hat die Fang-Saison in Taiji wieder begonnen. Was hat sich dort durch den Film geändert?

Ich war jetzt seit Beginn der Saison zweimal dort und die Fischerei hat angekündigt keine Delfine mehr zu töten. Sie fangen weiterhin Delfine, um sie an Delfinarien zu verkaufen, aber sie bringen keine mehr um. Wir wissen noch nicht, ob das nur eine temporäre Entwicklung ist, aber die Dinge kommen durch den Film in Bewegung.

Interview: Martin Schwickert