SHIRLEY MACLAINE ZU »IN DEN SCHUHEN MEINER SCHWESTER«

»DAS HAT GEHOLFEN«


Der Film zum Interview

Mrs. MacLaine, Wie suchen Sie sich heute Ihre Rollen aus?
Im dritten Akt meines Lebens ging es mir bei diesem Film darum, mich noch einmal zu verändern. Mir gefiel der Schmerz, die Verdrängung und die Erkenntnis, die meine Figur in dieser Geschichte durchlebt. Ich habe in den letzten Jahren wenig Filme gesehen, die sich die Mühe gemacht haben, die Frage nach der persönlichen Identität so klar zu formulieren. Es gibt in jedem Leben so viel dunkles, unerforschtes Material, und wir versuchen oft zu vertuschen, wer wir sind und woher wir kommen.
Haben Sie aus Ihrer eigenen Familiengeschichte auch etwas für diese Rolle gelernt?
Ich hatte eine kanadische Mutter, das hat geholfen. Sie war sehr zugeknöpft und ich wusste nie, was sie dachte oder fühlte. Sie war 83, als ihr Nachbar sie einmal in der Garage küsste. Sie wurde rot und wusste nicht, wie ihr geschieht. Meine Eltern waren bis ins hohe Alter eifersüchtig aufeinander.
Die Rentner in Florida, wo Sie den Film drehten, machen da aber einen entspannteren Eindruck...
Viele Leute, mit denen ich dort gesprochen habe, waren mit ihren 80 Jahren sexuell sehr aktiv und keiner von ihnen wollte heiraten. Sie waren liberal in ihrer Jugend und werden bis zu ihrem Tod liberal bleiben.
Im Gegensatz zu Ihrer letzten Rolle in »Verliebt in eine Hexe« distanzieren Sie sich in diesem Film vom Image der Diva...
Ich habe oft genug die Rolle der extravaganten Mrs. Robinson gespielt. Die Weisheit des Alters steht mir heute besser. Gerade die Zurückhaltung, die meine Rolle erforderte, hat mich gereizt. In einem Land, das vor großen Problemen steht, in dem die Leute eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit haben und sich fragen, warum sie tagtäglich von Politikern belogen werden, war es mir wichtig, einen vollkommen aufrichtigen Film zu machen, der hoffentlich nicht nur als Frauenfilm abgetan wird.
Wenn Sie Ihre prominenten Kolleginnen wie Cameron Diaz oder Nicole Kidman betrachten: wie hat sich das Leben einer jungen Starschauspielerin in den letzten 50 Jahren verändert?
Zu meiner Zeit gab es die ganzen Klatsch- und Tratsch-Magazine noch nicht. Ich weiß nicht, wie die jungen Stars den Medienrummel aushalten. Wenn Cameron Diaz oder Nicole Kidman zu den Proben kommen wollten, konnten sie oft nicht aus ihrem Haus, weil es von Paparazzis belagert war. Das gab es damals nicht. Gerade habe ich mit Jennifer Aniston gedreht und die musste die Auflösung ihrer Ehe in der Öffentlichkeit verkünden. Das muss man sich einmal vorstellen!

Interview: Martin Schwickert