SEAN PENN ÜBER »IN DIE WILDNIS«

Das Idyll und die Sehnsucht

Wie so viele Amerikaner liebt Sean Penn sein Land und hasst George W. Bush. Sein Film »In die Wildnis« kann diesen Widerspruch auch nicht erklären.


Der Film zum Interview

Was hat Sie an der realen Geschichte fasziniert?

In einer Welt, die immer komfortsüchtiger wird, wächst das Bedürfnis nach elementaren persönlichen Herausforderungen. In der Natur zu verschwinden, die eigenen Lebenslügen über Bord zu werfen und sich von der Wahrhaftigkeit der Natur überwältigen zu lassen - das ist eine sehr verführerische Vorstellung. Besonders wenn man jung ist und herausfinden will, worauf es wirklich ankommt im Leben.

Wann haben Sie das letzte Mal diese Sehnsucht verspürt?

Eigentlich spüre ich diese Sehnsucht fast jeden Tag . Auf meine Art habe ich andere Herausforderungen ausprobiert. Jedoch nie in dieser totalen Konsequenz wie Chris. Ich möchte auch niemand zu einem solch extremen und gefährlichen Abenteuer ermutigen. Aber sich selbst und sein eigenes Leben einmal in dieser elementaren Gesamtheit zu spüren, ist eine sehr gesunde Erfahrung.

Warum hat die Familie von Christopher McCandless gerade Ihnen den Zuschlag für die Verfilmung gegeben?

Ich habe nie nachgefragt, sondern ihre Entscheidung einfach akzeptiert. Vielleicht habe ich gerade davon profitiert, dass ich nicht in der Lage war, der Familie solch hohe Summen anzubieten wie meine Konkurrenten. Ich bin davon ausgegangen, dass Geld nicht der wichtigste Faktor für die Entscheidung der Familie ist. Schließlich ist dies die Geschichte ihres eigenen, verlorenen Sohnes. Ich habe der Familie eine sehr klare Vorstellung von dem Film, den ich im Kopf hatte, vermittelt und das scheint sie überzeugt zu haben.

Wie hat die Familie reagiert, als sie den Film gesehen hat?

Ich verstehe das Interesse an dieser Frage, aber das ist ein sehr privater Moment gewesen und es ist nicht an mir, darüber zu berichten.

Glauben Sie diese tiefe Sehnsucht von Chris nach Wahrhaftigkeit ist durch seine privilegierte Herkunft aus der amerikanischen Mittelklasse bestimmt?

Ich glaube die eigene Persönlichkeit ist hier wichtiger als die soziale Herkunft. Sicher wäre es für einen jungen Mann schwarzer Hautfarbe schwieriger gewesen, sich derart frei durch das Land zu bewegen. Aber jeder weiße Junge in den USA, egal mit welchem sozialen Hintergrund, wäre zu diesem Abenteuer fähig. Es gibt ja nicht nur die materielle Armut, vor der man versucht zu flüchten.

»In die Wildnis« wirkt wie ein Liebesgeständnis an die USA, das man dem politischen Aktivisten Sean Penn nicht zugetraut hätte.

Ich hatte nie ein Problem mit meinem Land. Ich habe mich nur ein wenig über die Staatsfeinde aufgeregt, die die Macht im Weißen Haus übernommen haben und über die allgemeine Akzeptanz dieser Übernahme. Aber das ist eine ganz anderes Geschichte. Für mich ist Amerika ein großartiges Land mit einer großartigen Landschaft und großartigen Menschen. Ich liebe dieses Land und das zeigt der Film wie kein anderer.

Viele haben erwartet, nachdem Sie in den letzten Jahren sehr klar gegen den Irakkrieg und die Regierung Bush Stellung bezogen haben, dass ihr nächster Film ein politisches Statement formuliert...

Ich glaube, dass "In die Wildnis" ein sehr politischer Film ist. Denn hier wird über die grundlegende Qualität unseres Lebens nachgedacht. Und das ist eine sehr politische Frage, denn die Qualität unseres Lebens wird entscheidend von der Politik bestimmt.

Betrachten Sie den Film als einen Angriff auf das Establishment?

Chris' Vater hat zu mir gesagt: "Chris wollte das Haus nicht niederbrennen. Er hat es einfach verlassen." Ich glaube, wenn wir alle unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten würden, käme das Establishment in große Schwierigkeiten.

Interview: Martin Schwickert