Die kleine Krimi-Rundschschau 66. Folge


und hier die vorherige-Ausgabe

Martin Suter probiert jetzt die Frechheit aus, seinen kunstsinnigen Serienermittler erst nach langer Romanpause vom Cliff abzuhängen. Am Ende des letzten Bandes wurde seinem Faktotum die Geliebte entführt. In Allmen und die verschwundene Maria wird sie natürlich wiedergefunden. Nicht ohne viel unübersetztes Spanisch und elegantes Geschnatter, dafür aber auch mit mehr Aufmerksamkeit für die Nebenfiguren: Außer der verschwundenen Maria eben ihrem Schatz, dem bisher eher undurchsichtigen Carlos. Der famose Diener des meist eher gelangweilten Titelhelden kriegt langsam Charakter, und es würde uns nicht wundern, würde etwa der zehnte Allmen den Titel "Carlos und das Allmen-Erbe" verpasst bekommen.

Der Krake auf meinem Kopf ist schon mal kein schlechter Titel. Erst recht nicht, wenn wir lernen, dass damit keine absonderliche Actionszene thematisiert wird, sondern dass der Protagonist Curly in dem Roman von Jim Nisbet einfach ein Kraken-Tattoo auf der Glatze trägt. Eigentlich ist er Musiker, und eigentlich will er mit einem Ex-Kumpel, den er eigentlich gar nicht mag (schon weil der Drummer ist, und Drummer sind keine Musiker), nur eine Ladung Koks durchziehen. Aber dann kommen die Cops und der Kumpel wird verhaftet und Curly soll Geld auftreiben für eine Kaution. Der Roman plätschert so vor sich hin, und alle reden so affektiert als wollten sie "Oscar Wilde in L.A." spielen. Die Dialoge sind anstrengend, um es vorsichtig zu sagen. Es wird ein bisschen geschossen, eine Leiche liegt im Lagerhaus - und plötzlich, im letzten Viertel, wechselt Nisbet die Erzählperspektive und breitet eine ganz und gar schaurige Geschichte aus, die die ganze Zeit im Hintergrund gelauert hat. Plötzlich geht es um wirkliche Verbrechen, perverse Nachbarn und einen Folterkeller. Wie er den Bruch hinbekommt, um dann in ein absolut belangloses Ende abzubiegen - das macht den 2007 in den USA erschienenen Roman dann eben doch recht bemerkenswert.

Auch Nicht-Anhänger des VfL und Leute, die Stadien nur aus dem Fernsehen kennen, haben Spaß mit Lucie Flebbes neuem Krimi Tödlicher Kick. Den versemmelt ein Bochumer Jungstar mit Migrationshintergrund ausgerechnet das Relegationsspiel gegen Lokalkonkurrent Schalke. Er verschießt einen Elfmeter und ist tags drauf tot. Hat ihm wer übel genommen, dass er für die nächste Saison bei Schalke unterschrieb? Hat die etwas laienhaft eingeführte Torlinien-Technologie damit zu tun? Der pöbelnde Kanakenfresser aus der Fankurve? Oder das Gspusi der Leiche, das aus dem Rotlicht-Milieu kommt und Blut am Kleid hat? Oder sind das alles nur Bolzereien für die Tribüne, damit Flebbes görige Jungdetektivin Lila auch mal ihrem väterlichen Chef zuliebe im Puff ermitteln darf? Außerdem arbeitet sie weiter am die ganze Lila-Serie durchziehenden Vater-Trauma und hat natürlich auch was gegen Homophobie am Ball. Alles gut und zeitnah, nur im Taktischen etwas zu verspielt.

Wie kommt der arabische Frühling in einen Krimi aus Leipzig? Warum will Ex-Präsident Mubarak im Knast sein Schicksal in Ichform nicht wahrhaben? Und warum haben ein vergewaltigender Folterknecht und ein zurückschießender Oppositioneller später in Leipzig denselben Arbeitgeber? Und dasselbe Foto in ihren Personalakten? Sophie Sumburane hängt in Gefährlicher Frühling an einen mittelschweren Fall von Waffenschieberei etwas zu viel Aufklärungserregung, deutlich zu viel dichterisch klingelnde Sprachbilder und künstlerische Textverschränkungen. Außerdem tritt unüberschaubar viel Nebenpersonal auf, sodass die gute Absicht leider leidet.

James Bond ist eigentlich durch. Die originalen 12 Romane und zwei Kurzgeschichten-Bände Ian Flemings wurden im Kino zum Globalphänomen verändert. Mittlerweile 10 Autoren schrieben neue Bücher über den ewigen Agenten, manche sogar mehr als der Meister, und jetzt erscheint der erste Post-Fleming-Bond als erste Fortsetzung der Bond-Gesamtausgabe bei Cross Cult. Robert Markham (ein Pseudonym von Kingsley Amis) schrieb Colonel Sun 1968, deutlich gegen den gerade auftrumpfenden Kino-Bond, fast ohne Techno-Schnickschnack, aber dafür mit einer komplizierten Weltverschwörung, die erst M auf eine griechische Insel entführt und dann James zwischen Russen und Chinesen und Nazis nahezu aufreibt. Kingsley Amis schrieb 1991 eine neue Einleitung dazu.

Ferdinand von Schirach schreibt nun wirklich keine Krimis im klassischen Sinne, aber niemand denkt so intensiv im Genre über Schuld und Moral nach wie der Strafverteidiger mit dem schlimmen Nachnamen. Auf den geht er erst- und letztmalig in einem Essay ein, der in dem Sammelband Die Würde ist antastbar zu finden ist. Darin sind Schirachs Aufsätze für den Spiegel zu verschiedenen Themen und Aspekten des Strafrechtes von 2010 bis 2012 versammelt. Und auch wenn der Gegenstand der Betrachtung (der Kachelmann-Prozess, das Gäfgen-Urteil) sich schon im Dämmer der Geschichte verlieren, sind von Schirachs Betrachtungen und Reflektionen dazu überaus lesenswert. Etwa warum das Folterverbot tatsächlich nur etwas taugt, wenn es wirklich keine Ausnahme zulässt.

Ein kleines Dorf in der Schweiz, Anfang des 20. Jahrhunderts. Es ist eine düstere Welt voller Wälder und misstrauischer Charaktere. In dieser mysteriösen Welt wird ein altes Bauernpaar erschlagen. Albin Gauch, der kurz vor seiner Pensionierung steht, wird mit dem Fall beauftragt, viel Lust hat er nicht. Viel mehr plagen ihn seine eigenen Probleme, die Schmerzen im Bein, zudem gibt es nicht viele Hinweise auf den Mörder. Der schwachsinnige Knecht des Bauernpaares taugt nicht recht als Zeuge, die Menschen in den umliegenden Höfen halten sich mit Aussagen zurück. Flavio Steimann erschafft in Bajass nicht nur eine dunkle Welt, durch die er seinen Ermittler wandern lässt, sondern auch die Sprache, die er dafür verwendet, zeigt, dass wir uns in einer anderen Zeit befinden. Die Moderne verschafft sich bis in das kleinste Dorf Eintritt, die Sprache bleibt zwar bestehen, ist aber genauso wie die alte Infrastruktur nur noch auf Zeit präsent. Steimann gelingt damit ein extrem unaufgeregter Kriminalfall, der aus dem kleinen Dorf in das riesige New York führt. Seine Beschreibungen von der Klassengesellschaft auf dem Schiff gehen dabei eine spannende Verbindung mit den Beschreibungen der "einfachen" Leute in der ländlichen Schweiz ein.

Sehr seltsam präsentiert Christian Mähr seinen neuen Hobbyermittler in Tod auf der Tageskarte: Erst sieht er zufällig was beim Fernrohrspielen in den Voralbergen, aber wir erfahren nicht, was. Dann fährt er verschreckt in den Graben, kriegt Gedächtnislücken und kommt in die Klinik. Dann planen welche einen Gewaltakt, von dem nun wieder unser Opfer träumt. Dann besucht er mit seinem Stammtisch den eingebildeten Tatort und begegnet einem Täter. Sowas kann kein Regionalkrimi aus Dornbirn werden, auch wenn Dorfwirt und Zechkumpane recht landstrichtypisch daher kommen. Vielmehr spielen Mafia, Geheimdienst und ein verschrobener Erfinder mit, und Matthäus Spielberger träumt sich von einem Greuel zum nächsten. Und übernächsten. Denn Christian Mähr, der Krimis, Science Fiction und Sachbücher durcheinander schreibt, hat eine ganze Serie geplant.

Normale Krimis beginnen mit einer Leiche. Christoph Spielberg, eigentlich Kardiologe und Spezialist für Krankenhauskrimis, fängt Der Ein-Euro-Schnüffler gleich mit dreien an. Es sind aber bloß Hunde und sein Ermittler ist auch bloß Hartz-IV-Empfänger und eigentlich als Müllsherrif in Berlin-Neukölln unterwegs. Nun hat er auch noch einen geretteten Welpen am Bein, eine schöne Nachbarin am Hals und viel Zeit, den sich nur sehr langsam entwickelnden echten Fall mit Lokalkolorit und flotten Sprüchen aufzuhübschen. Das streift manchmal kritisch den Sozialrealismus, nervt aber auch mit der Marotte, immer wieder eine Szene willkürlich abzubrechen, um sie ein paar Seiten später per Rückblende aufzulösen.

Gleich in ihrem zweiten Krimi traut sich Heike Blum an das schwierige Subgenre, einen Mörder zur Hauptperson zu machen. Ich töte für dich führt ihn als netten Mann in Schwierigkeiten ein, dem eine Nebenfigur eher zufällig das Leben rettet. Als deren Chefin, eine Schreckschraube, kurz darauf erschossen wird, schürzt sich der Konflikt. Zumal auch noch andere Quälgeister aus ihrer Vergangenheit bald ableben. Wie wird die gute Samariterin den Verdacht los, es selbst gewesen zu sein? Was machte den Täter zum Töter? Wieso riskiert der Profikiller mit eigenen Sorgen sein Leben, um ihres in Ordnung zu bringen? Heike Blum kommt erstaunlich gut mit dem verqueren Ansatz klar und weckt Sympathien für Mobbingopfer und Mordauswege.

Der Code erzählt eine jener Geschichten, wie sie gerade Mode sind: Es beginnt mit einem Labor, weißen Kitteln, einer wissenschaftlichen Herausforderung und einem entführten Kryptologen. Und während wir uns noch an dem Rätsel erfreuen, das Fredrik T. Olsson in seinem ersten Thriller ausbreitet (die Zukunft der Menschheit steht in ihrer DNA und hört leider plötzlich auf), schaltet das Buch den Tonfall um und wechselt in ein gigantisches Katastrophenszenario, in dem Flugzeuge vom Himmel fallen und wir alle aussehen werden, als ob wir Ebola zum Frühstück hatten. Die Filmrechte wurden bereits verkauft, steht im Klappentext, was den blödsinnigen Krawall zwar erklärt, aber nicht erträglicher macht. Das ist kein Buch, sondern ein Bewerbungsschreiben, und nicht einmal ein originelles.

Als Mechtild Borrmann ihren Krimi Die andere Hälfte der Hoffnung schrieb, war die Ukraine noch unmodern. Und bestenfalls bekannt für Tschernobyl und als Anwerbeland für Mädchenhändler. Aus beiden Themen macht Borrmann eine ebenso ruhige wie verstörende Geschichte. Auf zwei leicht versetzten Zeitebenen erzählt einerseits Mütterchen Walentyna vom Leben in der Entfremdungszone rund um die strahlende Ruine und schreibt im Rückblick auch über die Katastrophe. Andererseits überwirft sich ein Sonderpolizist mit der Bürokratie, als er hinter einem womöglich staatlich geduldeten Frauenklau her ermittelt. Das führt nach Deutschland und noch weiter. Dort verschwand Walentynas Tochter nach einem angeblichen Arbeitsaufenthalt. Und ganz unangestrengt, trotz gelegentlicher Ausrutscher ins unangemessen Poetische, verbindet Borrmann frühen Sozialismus, spätkapitalistische Ausbeutung und traurige, einsame Männer.

Da denkt sich ein Franzose einen Amerikaner aus, der in einem Pariser Hotel eine aparte Italienerin vor den Avancen eines weniger aparten Landsmannes schützt. Und nebenbei über den Niedergang französischer Tugenden möppert. Christophe Carlier hat dafür einen Debüt-Preis gekriegt, weil sein Der Mörder mit dem grünen Apfel sehr nett seine Nichthandlung mit personalisierten Tagebuchnotizen erzählt, in denen die plötzlich tote Barbekanntschaft der beiden eher am Rande vorkommt. Halb ist es ein Krimi, halb ein Vexierspiel mit Magritte und Literarzismen. Nachtportier und Zimmermädchen erweitern die immer nur an sich selbst interessierten Notizen zu einem schnell leerlaufenden Rätsel. Hat da jemand einen ermordet? Ändert das irgendwas an den Beziehungen der Menschen im Hotel? Das kann man so und so sehen.

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Martin Suter: Allmen und die verschwundene Maria Diogenes, Zürich 2014, 224 S., 18,90 / Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2014, 320 S., 14,80 / Lucie Flebbe: Tödlicher Kick Grafit, Dortmund 2014, 285 S., 10,99 / Sophie Sumburane: Gefährlicher Frühling Pendragon, Bielefeld 2014, 280 S., 12,99 / Robert Markham: Colonel Sun Übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen. Amigo Grafik - CrossCult, Ludwigsburg 2014. 351 S., 12,80 / Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar Piper, München 2014, 143 S., 16,99 / Flavio Steimann: Bajass Edition Nautilus, Hamburg 2014, 128 S., 19,90 / Christian Mähr: Tod auf der Tageskarte Deuticke, Wien 2014, 383 S., 17.90 / Christoph Spielberg: Der Ein-Euro-Schnüffler bebra verlag, Berlin 2014, 256 S., 9,95 / Heike Blum: Ich töte für dich Pendragon, Bielefeld 2014. 384 S., 12,99 / Fredrik T. Olsson: Der Code Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. Piper, München 2014, 522 S., 16,99 / Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung Droemer, München 2014, 320 S., 19,99 / Christophe Carlier: Der Mörder mit dem grünen Apfel dtv, München 2014, 159 S., 14,90